Medikamentenabhängigkeit - Vor allem Beruhigungspillen im Trend

Ein bis zwei Prozent der Schweizer Bevölkerung nehmen regelmässig Beruhigungs-, Schlaf- oder Schmerzmedikamente. Besonders häufig greifen Frauen Anfang 60 zu Tabletten. So leicht man die Mittel bekommt, so leicht gerät man in die Abhängigkeit. Und der Ausstieg kann lange dauern.

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Medikamentenabhängigkeit

21 min, aus Puls vom 21.5.2007

Ein bis zwei Prozent der Schweizer Bevölkerung sind abhängig von Beruhigungs-, Schlaf- oder Schmerzmedikamenten; zwei Drittel davon sind Frauen Anfang 60. Leicht bekommt man die Mittel, leicht gerät man in die Abhängigkeit, lange dauert der Ausstieg – Aufklärung tut not.

Ganz vorne: Benzodiazepine

Unsere Gesellschaft ist geprägt von Ängsten und Depressionen. Reizüberflutung, Stress und mangelhafte Psychohygiene sorgen dafür, dass sich viele Menschen nicht mehr entspannen können, unter Schlafstörungen leiden oder unter diversen, teilweise diffusen Schmerzsymptomen. Viele dieser Zustände bessern sich (vorübergehend) mit einem Wirkstoff: Benzodiazepin.

Zahlreiche Beruhigungs-, Schlaf- und Schmerzmittel basieren auf dieser Substanz, die in Dutzenden von Varianten in ebenso vielen Präparaten auftaucht (das wohl bekannteste: Valium). Im Fachjargon heissen sie einfach «Benzos». All diesen Medikamenten ist eines gemeinsam: Sie weisen ein hohes Gewöhnungs- bis Abhängigkeitspotenzial auf.

So gut diese Medikamente wirken, so gerne werden sie von Ärzten verschrieben. Die Gewöhnung beginnt schon nach wenigen Tagen bis Wochen. Wird die verschreibungskonforme Einnahme nicht vom Arzt kontrolliert und das Medikament nicht nach spätestens 90 Tagen abgesetzt (nach einer Ausschleich-Phase), dann besteht ein hohes Abhängigkeitsrisiko.

Schwieriger Ausstieg

Hat sich der Körper erst einmal an die Benzos gewöhnt, dann kann man sie nicht einfach über Nacht absetzen, denn die Entzugserscheinungen zwingen zur Wiedereinnahme, es kann sogar zu epileptischen Anfällen kommen. In schweren Fällen ist ein stationärer Aufenthalt in einer Suchtklinik erforderlich.

Immer öfter werden Medikamentenentzüge auch ambulant durchgeführt. Ganz ohne professionelle Begleitung ist ein Entzug aber kaum machbar. Eine Studie der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel aus dem Jahr 2004 zeigt, dass die Schweiz im europäischen Vergleich keine Sonderstellung einnimmt. Jedes Jahr gehören mehr als 20 Prozent aller umgesetzten Medikamente in der Schweiz zur Klasse mit grossem Missbrauchspotenzial – mit einer Umsatzsumme von 407 Mio. Franken. Darin inbegriffen sind auch Schlankheits- und Abführmittel sowie codeinhaltige Hustensäfte.

Wenig Nebenwirkungen

Das Perfide an den Benzos ist, dass sie zwar sehr schnell abhängig machen, dabei aber wenig Nebenwirkungen aufweisen. So können Benzo-Abhängige während Jahren ganz unauffällig ihrer Sucht frönen, ohne dass ihr Umfeld aufmerksam wird. In der Regel entstehen erst dann Probleme, wenn man dem Abhängigen seine Tabletten plötzlich entzieht. Ängste, Schlaflosigkeit, Panikattacken und Krämpfe können die Folge sein.

Da die meisten Abhängigen unter einer sogenannten Low- oder Normal-Dose-Abhängigkeit leiden, fallen auch keine übermässigen Medikamentenbezüge auf. Viele Benzo-Konsumenten sind alleinstehende oder in Heimen lebende Betagte. Unter Medikamenteneinfluss sind sie ruhig und friedlich. Allerdings steigt bei ihnen auch die Sturzgefahr, weil sie unter der Benzo-Therapie nicht mehr sicher gehen. Die meisten von ihnen sterben eines Tages, nach jahrelanger Abhängigkeit mitsamt ihrer unentdeckten Sucht.

Härtere Verschreibungspflicht

Nebst einer besseren Aufklärung der Patienten durch die Ärzte, müssen auch die Ärzte selber besser geschult und in Sachen Umgang mit abhängigkeitsfördernden Medikamenten weitergebildet werden. Ausserdem verlangen einige Spezialisten, dass die Verschreibung von Benzos (wie in anderen europäischen Ländern teilweise schon üblich) über die Betäubungsmittelverordnung läuft. Somit würden Verschreibungs- und Einnahmeumstände detailliert festgehalten und nachprüfbar.

Viele Fachärzte sind überzeugt, dass dadurch der Missbrauch drastisch reduziert würde.