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Psyche Blind für Gefühle

Nicht jeder, der keine Gefühle zeigen kann, kann etwas dafür: Die Gefühlsblindheit oder Alexithymie verschliesst den Zugang zu den eigenen Emotionen.

Legende: Audio Gefühlsblindheit abspielen. Laufzeit 2:33 Minuten.
2:33 min, aus 100 Sekunden Wissen vom 15.07.2013.

Keine Angst, keine Beunruhigung, aber auch keine Freude, keine Verliebtheit, kein Mitgefühl: Für Menschen mit einer reichen Gefühlswelt ist es kaum vorstellbar, wie es ist, ohne Emotionen zu leben. Für Menschen mit Alexithymie ist das jedoch der Alltag. Enge Beziehungen sind für sie schwer – manchmal sogar unmöglich.

Die Spanne ist weit: Die Alexithymie kann ebenso den knallharten, gefühlskalten Manager betreffen wie den sehr zurückhaltenden Einzelgänger, der im Leben nie Fuss fasst. Oft sind es Menschen, die von anderen als Kopf- oder Zahlenmenschen beschrieben werden und deren Leben von Logik bestimmt wird. So können sie in milderen Fällen durchaus gut durchs Leben kommen: Der beschriebene Manager bringt gute Voraussetzung für seinen Job mit. Vielleicht lebt er sogar in einer Beziehung. Für seine Partnerwahl waren aber wahrscheinlich eher rationale Gesichtspunkte als Schmetterlinge im Bauch massgeblich. Die Partnerschaft kann funktionieren, wenn seine Partnerin keinen Wert auf Romantik und Liebesschwüre legt. Andere Betroffene ecken sozial so stark an, dass ein Miteinander für sie fast unmöglich erscheint, weil es ihnen nicht gelingt, Gefühle zu zeigen oder die des anderen richtig zu interpretieren.

Gefühlsblindheit ist keine Krankheit

So schwierig ein Leben mit Alexithymie sein kann: Sie gilt als Persönlichkeitsmerkmal, nicht als Krankheit. Meist zeigen sich schon in der Kindheit Probleme damit, Gefühle anderer richtig einschätzen und empathisch reagieren zu können.

Den Namen gab dem Phänomen 1973 der Psychiater Peter E. Sifneos und sein Kollege John Case Nemiah. Alexithymie heisst übersetzt: Das Nicht-Lesen-Können von Gefühlen. Seitdem interessiert sich seit den 80er-Jahren unter anderem die Emotionsforschung für die Gefühlsblindheit, die geschätzte zehn Prozent der Menschen in verschieden schwerer Ausprägung betreffen soll. Wie genau die Gefühlsblindheit entsteht, ist nicht klar. In der Diskussion stehen drei mögliche Gründe: Entweder kam es in der Kindheit zu emotionalen Entwicklungsstörungen. Oder Betroffene haben aufgrund traumatischer Erlebnisse ein Schutzschild entwickelt. Möglich ist aber auch eine genetische Disposition.

Der Körper reagiert

Auch wenn Menschen mit Alexithymie Probleme damit haben, ihre Gefühle wahrzunehmen: Ihr Körper reagiert – beispielsweise mit einem beschleunigten Herzschlag in bedrohlichen oder aufwühlenden Situationen. Nur bringen Betroffene das nicht mit ihrer Gefühlswelt, zu der sie nicht oder nur sehr beschränkt Zugang haben, in Einklang. Häufig landen sie dann wegen solcher psychosomatischer Beschwerden beim Arzt – zum Beispiel, weil sie ein vor Aufregung klopfendes Herz als gefährliches Herzrasen interpretieren. Andere klagen über Müdigkeit, Schmerzen, Erschöpfung, Verdauungs- oder Kreislaufleiden. Auch für psychische Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen sind sie gefährdeter, eben weil es auf Dauer ungesund ist, wenn für Emotionen das passende Ventil fehlt.

Erst wenn sie mit ihren psychosomatischen oder psychischen Beschwerden zum Arzt gehen, fällt ein grosser Teil der Menschen mit Gefühlsblindheit überhaupt auf. Die meisten galten zuvor nur als besonders kühl oder unemotional. Doch selbst wenn sie wissen, welchen Namen ihr Anderssein trägt: Die eine erfolgsversprechende Therapie gibt es nicht. Manche schaffen es dennoch, ihre Emotionen, und damit auch die des Gegenübers, mithilfe eines Therapeuten besser zu spüren. Anderen bleiben Gefühle ein Leben lang ein ungelöstes Rätsel.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Urs Gehrig, Montpellier
    "Seitdem interessiert sich seit den 80er-Jahren unter anderem die Emotionsforschung die Gefühlsblindheit, die geschätzte zehn Prozent der Menschen in verschieden schwerer Ausprägung betreffen soll. ... In der Diskussion stehen drei mögliche Gründe: Entweder kam es in der Kindheit zu emotionalen Entwicklungsstörungen. Oder Betroffene haben aufgrund traumatischer Erlebnisse ein Schutzschild entwickelt. Möglich ist aber auch eine genetische Disposition." ???
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten