Distanz und Nähe in der Partnerschaft

In der ersten Verliebtheit machen Paare alles gemeinsam. Doch dann ist es wichtig, dass jeder Partner den Freiraum findet, den er braucht.

Für das eine Paar ist es unvorstellbar, Ferien getrennt voneinander zu verbringen. Das andere Paar macht jedes Jahr zumindest einige Tage Urlaub voneinander. Welches Paar ist glücklicher?

Diese Frage ist auch für SRF-«Ratgeber»-Psychologe Henri Guttmann nicht einfach zu beantworten. Denn gut ist, was beiden gut tut. Dennoch: In jeder Beziehung wird die Frage der Selbstbestimmung irgendwann einmal ein Thema und das Paar muss für sich abstecken, wie viel Freiraum jeder für sich braucht. Das können Sportabende sein, der wöchentliche Stammtisch mit den Freunden, aber ohne Partner, oder auch die jährliche Reise mit den Freundinnen.

Natürliche Wellenbewegung

Nach der ersten Verliebtheit, in der beide am liebsten jede freie Minute miteinander verbringen, ist das ein wichtiger Schritt zurück zur Eigenständigkeit, die sich jeder auch in einer Beziehung bewahren sollte. Idealerweise haben beide Partner das gleiche Verständnis von Freiraum. Falls nicht, verläuft die Beziehung in einer natürlichen Wellenbewegung aus Nähe und Distanz. Das heisst: Bei zu viel Nähe gibt es irgendwann Streit, weil dem freiheitsliebenderen Partner seine Freiräume fehlen.

Durch den Streit entsteht wieder ein wenig mehr Distanz. Andersherum kann es auch zum Streit kommen, wenn Paare zu wenig gemeinsame Zeit verbringen. Hier stellt vielfach der Streit die nötige Wärme wieder her und die Situation bessert sich.

Sehr Anhängliche müssen lernen, loszulassen

Gerade für Menschen, die sehr viel Nähe brauchen, ist ein gesundes Pensum an Distanz wichtig, denn sonst neigen sie dazu, sich schnell vom Partner abhängig zu machen. Sie müssen lernen, sich eigene Räume zu schaffen und sich auch einmal selbst genug zu sein.

Fehlt einem Partner die Luft zum Atmen, ist es nicht einfach, das Thema anzusprechen. Dennoch: Ohne Aussprache geht es nicht. Dabei gibt es verschiedene Modelle:

  • Das Markt-Modell: «Ich gebe dir etwas – was gibst du mir dafür?»
  • Das Brücken-Modell: «Wie machen es die Nachbarn?»
  • Das Kröten-Modell: «Diese Kröte musst du schlucken!»

Auch Feiertage oder Ferien sind prädestiniert dafür, dass es durch ein Übermass an Nähe plötzlich zum Eklat kommt. Da hilft nur: proaktiv ausmachen, wann Zeit für einen selbst bleibt. Dabei sollte man nicht mit Vorwürfen kommen («du gehst mir auf die Nerven, deshalb brauche ich Zeit für mich!»), sondern mit Wünschen («Ich würde an den Feiertagen gerne einmal zwei Stunden nur für mich haben.»).