Im Hier und Jetzt: Zum Zeitpunkt X bereit sein

Spitzensportler treiben es auf die Spitze: Sie müssen sich 100-prozentig auf den Augenblick konzentrieren können, sonst haben sie verloren. Erfahrungen aus dem Spitzensport sind auch im Alltag anwendbar.

Eine Frau klettert an einer steilen Felswand.

Bildlegende: Beim Klettern ist jede Unkonzentriertheit folgenreich. imago

Stellen Sie auch das Radio leiser, wenn Sie mit dem Auto in eine fremde Stadt fahren? Ihre Orientierung, das Lenken des Autos und die anderen Verkehrsteilnehmer brauchen dann Ihre volle Aufmerksamkeit, da hat keine akustische Ablenkung mehr Platz.

«Wir haben nur 100 Prozent Aufmerksamkeit. Machen wir zwei Sachen gleichzeitig, müssen wir die 100 Prozent aufteilen. Je mehr Dinge wir gleichzeitig tun, desto weniger Aufmerksamkeit erhalten diese», erklären Michala Bednarikova und Anastasiya Khomutova.

Die beiden Sportpsychologinnen arbeiten in Slowenien und Grossbritannien mit Athleten zusammen und sprechen Mitte Juli am 14. Europäischen Sportpsychologen-Kongress in Bern über ihre Erfahrungen.

Ein falscher Gedanke kostet den Sieg

«Mich hat die Geschichte eines russischen Biathleten fasziniert», sagt Anastasiya Khomutova. «Er lief an den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi an erster Stelle. Doch beim letzten Schiessen zögerte er plötzlich und schoss daneben. Mit dem Zeitzuschlag fiel er auf den vierten Platz zurück. Darauf angesprochen, sagte er später, er habe plötzlich das olympische Gold gesehen und war so beim Schiessen abgelenkt. Für ihn war dies eine Tragödie!»

Auch im Alltag ist man immer wieder abgelenkt. Ein neues Mail, das Telefon klingelt, die Katze will essen, etwas Vergessenes fällt uns wieder ein. «Wie der Sportler haben auch wir ein ganz einfaches Mittel», sagt die Sportpsychologin, «das Stoppschild. Merken wir, dass unsere Gedanken kreisen und wir uns gerne ablenken lassen, sagen wir laut ‹Stopp› und stellen uns ein grosses, rotes Stoppschild vor.» Bilder, Gefühle, etwas anzufassen wirken gut, um unsere Konzentration zu bündeln.

Durch Atmung fokussieren

Manchmal sind wir aber auch nicht im richtigen Modus, um uns richtig zu konzentrieren. Wir sind zu nervös oder zu bequem. «Unsere Atmung haben wir immer dabei und die können wir immer kontrollieren», sagt Michala Bednarikova. «Wollen wir uns beruhigen, atmen wir langsam ein und noch langsamer aus. Beim Einatmen zählen wir auf drei, beim Ausatmen auf sechs.» Ähnlich funktioniert die Aktivierung, wir kehren einfach das Verhältnis um: langsam einatmen, schnell ausatmen.