Kinder im Magerwahn

Schon achtjährige Kinder leiden an Magersucht – so das alarmierende Ergebnis einer Umfrage von Pro Juventute. Spitalbehandlungen krankhaft dünner junger Menschen haben in jüngster Zeit stark zugenommen. Aufklärung sei dringend nötig, sagt die Jugendorganisation.

Ein kleines Mädchen misst ihren Taillenumfang mit einem Massband.

Bildlegende: Schon Zweitklässler beschäftigen sich zunehmend schon mit dem idealen Körper. imago

Das Ideal ist immer dabei: Wer das Smartphone aus der Tasche zieht, wird über (soziale) Medien konfrontiert mit schönen, schlanken, beliebten, erfolgreichen Menschen. Gerade Heranwachsende, die sich stark über Vergleiche definieren, kann das verunsichern. Sie fühlen sich schnell auf dem Abstellgleis, wenn die vermeintlich hübschere Freundin auf ihr neues Facebook-Foto mehr «Likes» erhält.

Eine Umfrage von Pro Juventute zeigte, dass Spitalbehandlungen junger Menschen aufgrund einer Magersucht in den letzten drei Jahren um 30 Prozent zugenommen haben. Deshalb sei Aufklärung dringend nötig, heisst es aus Fachkreisen. Für die Psychologen am Beratungstelefon sind Anrufe sehr junger Menschen längst keine Seltenheit mehr: 14-Jährige, deren Selbstwert sich nur an Feedback aus sozialen Medien orientiert. 13-Jährige, die sich hässlich fühlen und sich nicht mehr in die Badi trauen – oder die das Gefühl haben, mit ihrer Nase nicht mehr Leben zu können. Und noch jüngere, die bereits fasten, um möglichst schlank zu bleiben.

Fokus auf die positiven Eigenschaften

Für die Psychologen am Beratungstelefon geht dann darum, im Gespräch den Fokus von Äusserlichkeiten abzulenken und zu schauen, wie es den Anrufern sonst so geht, aber auch den Blick darauf zu lenken, welche Talente die Anrufer haben. Oder aber sie dazu anregen, einmal die Perspektive zu wechseln: «Was schätzt denn die Freundin, die vermeintlich so viel besser aussieht, an dir?» Dazu gehört auch, die Anrufer dafür zu sensibilisieren, dass ein Facebook-Foto ja meist ein (vielleicht sogar retuschiertes) Ausnahmebild ist, sozusagen die weichgezeichnete Realität.

Wird der seelische Druck so gross, dass ein Kind oder Jugendlicher tatsächlich in eine Magersucht steuert, wird es gefährlich. Denn die Körper Magersüchtiger leben in dauerhaftem Mangel – und dessen Folgen sind im Wachstum viel gravierender. Kinder können dann ihr Wachstum dauerhaft zum Stillstand bringen. Auch die Organe sind schwer belastet, weil sie noch besonders sensibel sind. Zudem wird bei akutem Mangel der Knochenbau nicht richtig abgeschlossen. Auch die Fruchtbarkeitsorgane können dauerhaft Schaden nehmen: Ehemals magersüchtige Mädchen können dann später möglicherweise keine Kinder mehr bekommen.

Schäden treten schon früh ein

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Magersucht erkennen und behandeln – je früher, desto besser

15 min, aus Puls vom 7.11.2011

Deshalb tut eine schnelle Behandlung Not: Je länger die Essstörung dauert, desto schlechter ist sie behandelbar. Höchstens ein Drittel der Betroffenen erholt sich wieder vollständig. Nach drei bis vier Jahren Krankheit erholt sich der Körper gerade bei so jungen Patienten nie mehr richtig.

Natürlich gibt es auch die Teenager, die einfach von Natur aus beim Heranwachsen nur aus Haut und Knochen bestehen. Aber: Dünn sein allein ist nicht das Hauptkriterium für eine Essstörung. Viel schwerer wiegt, wie intensiv sich ein Kind mit dem Essen beschäftigt, ob sich der Umgang mit Ernährung verändert oder das Körperbild nicht der Realität entspricht.