Langeweile dient der Entwicklung

Alle Menschen kennen Langeweile - auch ganz junge. Wenn Kindern langweilig ist, ist Gelassenheit geboten. Denn die selbständige Bewältigung des öden Gefühls ist ein wichtiger Entwicklungsschritt, erklärt die Psychologin Elsbeth Freitag.

Zwei Kinder mit gelangweiltem Gesichtsausdruck

Bildlegende: Langeweile kann ansteckend sein Colourbox

Das Kinderzimmer ist voller Spielzeug, und trotzdem ertönt irgendwann die Klage: Mir ist langweilig! Eltern kennen solche Situationen und fragen sich oftmals, was sie ihrem Kind noch bieten sollen, damit es wieder zufrieden ist. In blinden Aktionismus müssen sie sich nicht stürzen, rät Elsbeth Freitag, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie und stellvertretende Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen.

Helwi Braunmiller: Verstehen Kinder unter Langeweile das gleiche wie Erwachsene?
Kinderpsychologin Elsbeth Freitag: Langeweile kann unterschiedliche Ursachen haben. Sie kann Ausdruck sein für: Ich habe Angst vor dem, was ich vor mir habe, ich versteh`s nicht. Das ist ein unangenehmes Gefühl. Kinder sind dem in der Schule dauernd ausgesetzt. Sie bekommen ständig etwas vorgelegt, was sie erst begreifen müssen. Erwachsene tun das eher nach Lust und Laune. Sie blättern einfach weiter, wenn sie einen Zeitungsartikel nicht verstehen und das für sie unangenehm ist. Kinder sind diesem unangenehmen Gefühl viel häufiger ausgesetzt und versuchen auf ihre Weise, es zu bewältigen. Fürs Selbstwertgefühl ist es dann wesentlich kränkender zu sagen: «Ich versteh's noch nicht», als: «Mir ist langweilig.» Es kann aber auch ein Appell sein: «Hilf mir dabei, ich komme nicht weiter.» Oder: «Ich kann mich nicht entscheiden.» Und natürlich kann Langeweile auch bedeuten, dass etwas tatsächlich nicht interessiert.

Elsbeth Freitag, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie und stellvertretende Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen

Bildlegende: Elsbeth Freitag, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie vom Schulpsychologischen Diensts, Kanton St. Gallen SRF

Schon bei Babys hat man hin und wieder den Eindruck: Es quengelt, weil es sich langweilt. Kann es Kindern tatsächlich so früh schon öd werden?
Ein Kind will tatsächlich von Anfang an gefordert sein. Ihrem Alter entsprechend suchen sich Kinder Beschäftigung und Anregungen für all ihre Sinne - Sehen, Hören, Spüren, dann auch Vorübungen für die Sprache etc. Das ist natürlich angelegt. Dabei gibt es Kinder, die gerne die ganze Zeit bespasst wären, andere können sich schon ganz früh selbst beschäftigen. Es lassen sich also schon von Klein auf Temperamentsunterschiede feststellen.

Vernachlässige ich mein Kind, wenn es über Langeweile klagt?
Wichtig ist: Wir sprechen hier ausdrücklich nur von Kindern, die auch Anregungen haben, die entdecken dürfen, deren natürliches Interesse am Entdecken bei Eltern eine positive Resonanz auslöst, auf die also mit Interesse und Zuwendung eingegangen wird. Wenn es also der Fall ist, dass das Kind sich nach seinen Interessen beschäftigen kann, ist Langeweile nicht tragisch, sondern eher ein Zustand, in dem man das Kind auch mal lassen darf.

Ohne Gejammer wird das aber kaum gehen. Wie reagieren Eltern auf die Langeweile ihres Kindes am besten?

Häufig löst dies bei Eltern einen Reflex aus: Kindliche Langeweile wird wie eine Kritik empfunden, dass man als Eltern dem Kind nicht genug bietet. Sie kann aber auch anders interpretiert werden. Man muss sich keinesfalls direkt in Aktionismus stürzen. Vorschläge wie: Lies doch mal was, mach mal das Puzzle, kommen dann häufig sowieso nicht an beim Kind. Denn oft ist die Langeweile mehr die Unklarheit: Was interessiert mich, was will ich eigentlich? Das ist ein unangenehmes Gefühl fürs Kind, und aus dem will es natürlich sofort raus. Was ist da einfacher als der Appell ans Mami, das Gefühl aufzulösen? Wenn es das Kind aber selbst schafft, dieses negative Gefühl zu bewältigen, hat es ein Hindernis selbst überwunden - ein Pluspunkt in puncto Selbstvertrauen. Im Kind fängt der innere Suchprozess an, so kann es wieder in die Nähe dessen kommen, was es wirklich interessiert. Damit kommt auch die eigene Kreativität in Gang.

Man sollte also als Eltern statt Angeboten eher das Gefühl geben: Das schaffst du, ich kenn dich, dir fällt bestimmt was ein, das hast du letztes Mal doch auch schon toll geschafft. Damit suggerieren Sie nicht zuletzt auch Zutrauen ins Kind.

Mit den vielen Angeboten in der Frühförderung kann Langeweile eigentlich gar nicht aufkommen. Schadet man dem Kind eher, wenn es keine Zeit für Langeweile mehr hat?
So einfach kann man das nicht sagen. Ein förderndes, anregendes Umfeld ist schon im frühen Alter wichtig. Das muss nicht ständig mit Programm sein, aber Kinder sollen ihrem Alter entsprechend ausprobieren dürfen. Dazu gehört schon auch, dass man ihnen Anregungen bietet.

Später machen die Kinder Musik, belegen Malkurse, gehen in den Sportverein, lernen Englisch – manchmal schon ab dem Kindergartenalter. Ist das schlecht?
Ruhezeiten sind wichtig, aber auch da gibt es sehr unterschiedlich Bedürfnisse von Kind zu Kind. Man muss schauen: Wie geht's dem Kind dabei, zeigt es Anzeichen von Unter- oder Überforderung, ist es nervös, gehetzt, häufig gereizt oder auch das Gegenteil, zieht es sich plötzlich zurück. Dies können Alarmzeichen sein, dass im Leben des Kindes zu viel los ist und zu wenig freie, unverplante Zeit vorhanden ist. Alle Kinder brauchen Freiraum zum Spielen, denn das ist eine ganz wichtige Art der Bewältigung und Verarbeitung von dem, was das Kind alles erlebt.

Was halten Sie von Fernsehen gegen die Langeweile?
Ganz klar: Säuglinge und Kleinkinder können das meiste noch gar nicht verstehen, was sie im Fernseher sehen. Weil wir als Menschen aber sehr auf visuelle Reize ansprechen, können wir uns bewegten Bildern nur ganz schlecht entziehen und schauen trotzdem hin. Aber ich würde den Fernseher auf keinen Fall ganz negativ beurteilen. Für Schulkinder und Jugendliche gibt es viele gute Sendungen, und ich würde auch durchaus mal die Lanze brechen fürs Fernsehen als Möglichkeit, sich nach einem anstrengenden Schultag für eine kurze Weile einfach zu entspannen. Wichtig ist dann, dass die Eltern dafür sorgen, dass die Kinder danach den Ausschaltknopf finden und wieder ins echte Leben eintauchen.