Lesen, ohne zu verstehen – schreiben unter Qualen

800'000 Schweizerinnen und Schweizern sind von Illettrismus betroffen. Sie haben Mühe, einen Text zu lesen, ihn zu verstehen oder zu verfassen. Dagegen liesse sich einiges tun.

Junge Frau mit Brille schaut stirnrunzelnd auf ihr Handy

Bildlegende: Illettristen haben trotz Schulbesuch grosse Mühe mit dem Erfassen und Verfassen von Texten. imago


Illettrismus

4:28 min, aus Kultur-Nachrichten vom 29.10.2015

Illettristen sind Menschen, die trotz langjährigem Schulbesuch nicht über jene Lese- und Schreibkompetenzen verfügen, die es ihnen ermöglichen, den privaten und beruflichen Alltag selbstständig gestalten zu können. Sie können zwar Buchstaben erkennen, verstehen den Sinn des Gelesenen nicht. Sie können zwar schreiben, sind aber nicht ode rnur mit grosser Mühe in der Lage, Zusammenhänge verständlich zu Papier zu bringen.

Das Phänomen wird auch als «funktionaler Analphabetismus» bezeichnet. Die Situation der Illettristen unterscheidet sich aber deutlich von der von Analphabetinnen und Analphabeten, die nie die Möglichkeit hatten, eine Schule zu besuchen.

Vielfältige Ursachen und Gründe

Die Gründe für Illettrismus sind vielfältig. Legasthenie ist eine mögliche Ursache, «es kann aber auch daran liegen, dass jemand häufig umgezogen ist, oder dass zu Hause oder in der Schule schwierige Verhältnisse herrschten», erklärt Brigitte Aschwanden, Geschäftsführerin des Dachverbands für Lesen und Schreiben. «Es kann aber zum Beispiel auch sein, dass in den wichtigen, entscheidenden Momenten Lücken geben hat und es dann immer schwieriger wurde – oder dass jemand einfach abhängt.»

Angebote

Die Konsequenzen im Alltag sind nicht minder vielfältig. Wird in einer Firma vorwiegend schriftlich kommuniziert, ist dies eine grosse Herausforderung. Werden auf diesem Weg auch Sicherheitsanweisungen verteilt, die verstanden sein müssen, kann es sogar gefährlich werden.

Wer daran etwas ändern will, findet in der ganzen Schweiz entsprechende Kursangebote. Der erste Schritt fällt aber nicht leicht, denn Illettrismus ist ein Tabu und geniesst in der öffentlichen Wahrnehmung keine hohe Priorität. Das zeigt sich darin, dass die Zahlen in den Nachbarländern seit Jahren konstant sind. In der Schweiz wurde seit längerem keine Erhebung mehr durchgeführt.