Schuld sind immer die anderen

Das schlechte Wetter, der böse Chef, das Wahlergebnis vom Wochenende: Wer einen Grund zum Jammern sucht, wird garantiert fündig. Ob man sich damit einen Gefallen tut, steht auf einem anderen Blatt.

Wer privat oder beruflich in der Klemme steckt oder einen Rückschlag erleidet, hat allen Grund, unzufrieden zu sein. Die einen fluchen, andere leiden still, wieder andere jammern. Und jammern. Und jammern.

«Jammern ist ein Appell ans Umfeld, an meinem Leid teilzunehmen», erklärt Psychologe Henri Guttmann. «Dahinter steckt eine Hoffnung auf Trost, ohne etwas an der Situation ändern zu müssen.» Dieses Muster wird in der Kindheit geprägt: Wenn wir nur lange genug schreien und nölen, erhalten wir Zuwendung oder Süssigkeiten. Wer als Erwachsener viel jammert, ist mit dieser Strategie offenbar gut durchgekommen. Und erfolgreiche Strategien gibt man nicht einfach so auf.

Dauerndes Jammern macht einsam und kostet Kraft

Wer jammert, betont seine Opferhaltung. Als zeitlich begrenzte Reaktion auf erlittenes Leid ist das ganz natürlich und heilsam, denn Jammern steckt an: Fängt jemand an, stimmen andere schnell ein. Man will sich solidarisch zeigen, jammert mit, jammert sogar noch mehr, fühlt sich in der Gemeinschaft der Leidenden aufgefangen – geteiltes Leid ist halbes Leid.

Schwierig wird es, wenn das Jammern zur Grundhaltung wird. Dauerndes Lamentieren schadet dem Selbstwertgefühl, setzt das persönliche Umfeld unter moralischen Druck und führt dazu, dass sich immer mehr Menschen genervt zurückziehen. Ständiges Jammern macht einsam – und es ist ein Energiefresser. «Jammern ist wie ein Schaukelstuhl», bringt es Psychologe Guttmann auf den Punkt. «Man investiert viel Kraft ins hin und her Wippen, kommt aber kein bisschen voran.»

Das Hauptproblem chronischer «Jammeris»: Sie vergleichen sich ständig mit anderen, denen es besser geht oder ihre aktuelle Situation mit vergangenen Zeiten, die selbstverständlich besser waren. Und sie haben das unstillbare Bedürfnis, alle Welt wissen zu lassen, wie schlecht es ihnen doch geht.

Sich abgrenzen und sich Ziele setzen

Wie soll man mit so jemand umgehen? «Konfrontieren Sie die Person mit ihrem Verhalten», empfiehlt Henri Guttmann. «Machen Sie ihr klar, dass Sie verstanden haben, worum es geht und dass Sie gerne dabei helfen, etwas am Problem zu ändern. Und dass Sie andernfalls jetzt gerne das Thema wechseln würden.»

Und wie kommt man selber vom Dauerjammern weg? Tipps des SRF-Psychologen:

  • Werden Sie sich bewusst, wie oft Sie tatsächlich jammern. Führen Sie zum Beispiel eine Strichliste oder bewerten Sie über mehrere Tage hinweg Ihre Befindlichkeit auf einer Skala von 1 bis 10. Achten Sie auch auf Signale aus Ihrer Umgebung.
  • Legen Sie den Fokus nicht aufs Lamentieren, sondern darauf, was Sie erreichen möchten. Verharren Sie nicht in der Opferrolle und übernehmen Sie Verantwortung für sich selbst. Wenn immer nur die Anderen schuld sind, wird sich an Ihrer Situation nie etwas ändern.
  • Setzen Sie sich Ziele im Leben. Denn: «Wer nicht weiss, wohin er will, landet dort, wo er nicht hinwollte.»
  • Empfinden Sie Dankbarkeit sich selber gegenüber! Machen Sie sich bewusst, was Sie schon alles erreicht, überstanden und überwunden haben. Finden Sie heraus, was Sie an sich selber schätzen und sehen Sie nicht nur die Schwierigkeiten.
  • Lassen Sie sich von anderen Jammeris nicht herunterziehen. Grenzen Sie sich ab und geben Sie klar zu verstehen, dass Sie gerne helfen, aber keine blosse Klagemauer sind.