Stalking – Wenn Liebe zum Wahn wird

Stalking nimmt zu: Belästigende SMS, unzählige Telefonanrufe, E-Mails, Briefe, sogar Drohungen oder Verfolgung machen Opfern – aber oft auch den Tätern selbst – das Leben zur Hölle.

Eine SMS mit Inhalt: Ich beobachte dich.

Bildlegende: Die dauernde Belagerung versetzt Stalking-Opfer in Dauerstress. imago

Für die Opfer ist Stalking ein Albtraum: Der ständige Belagerungszustand – egal, ob die Kontaktaufnahme physisch oder per SMS oder Telefon erfolgt – versetzt sie in Dauerstress. Stalking kommt aus der Jägersprache und bedeutet anschleichen oder anpirschen. Und genauso fühlen sich die Opfer auch: wie Gejagte.

Kommen Drohungen zur Bespitzelung hinzu, macht sich Angst breit. Schnell geben Opfer dem Stalker dann einen grossen Stellenwert in ihrem Leben, ziehen sich zurück, verhalten sich anders als normal, verlieren Vertrauen in ihre Umwelt. Was die Stalker mit ihrem Verhalten beim Opfer anrichten, ist vielen gar nicht bewusst: Sie sind viel zu sehr auf sich selbst fixiert.

Männer und Frauen ähnlich, aber unterschiedlich intensiv

Wie viele Opfer es gibt, ist für die Schweiz nicht erfasst – aber es existieren Zahlen aus Deutschland: Jede vierte Frau und jeder zehnte Mann hat dort schon einmal Erfahrungen mit einem Stalker gemacht. 80 Prozent der Stalker sind Männer, 20 Prozent Frauen.

Männer und Frauen stalken unterschiedlich. Zwar rücken beide ihrem Opfer mit Anrufen, SMS, E-Mails, Beobachten oder Auflauern oder Geschenken auf die Pelle, doch Männer stalken bedrohlicher und drohen öfter. Frauen verfolgen ihre Opfer dagegen mehr via Internet, Mail oder SMS. Wann aus einer Kontaktsuche Stalking wird, dafür gibt es keine einheitliche Definition. Wie stark das Opfer durch das Belästigungsverhalten beeinträchtigt ist, ist extrem von der Wahrnehmung des Opfers abhängig. Manche fühlen sich bereits nach wenigen Begegnungen verfolgt, andere lassen zunächst stoisch hunderte Anrufe über sich ergehen, bevor für sie das Mass voll ist.

Echte Belastung, aber nicht immer echte Gefahr

Dann jedoch reagieren alle Opfer ähnlich: entweder körperlich mit Schlaf- oder Essstörungen oder mit blanker Angst, erschüttertem Selbstbewusstsein und einem Verlust des Urvertrauens in die Mitmenschen. Macht der Stalker auch vor dem beruflichen Umfeld nicht halt, kann auch das Arbeitsverhältnis schwer gestört sein.

Jeder Stalker wird zur echten Belastung, aber nicht jeder zur echten Gefahr. Vor allem beim Stalking durch Ex-Partner ist das Risiko für Gewalttaten erhöht – insbesondere dann, wenn schon vorher häusliche Gewalt ein Thema war. Auch Arbeitslosigkeit, soziale Probleme oder Süchte sind Risikofaktoren. Jeder Stalker kann zudem eine Entwicklung durchlaufen. Wenn es Anzeichen dafür gibt, dass eine Person zunehmend psychisch auffällig wird, steigt das Risiko.

Es wird zwischen verschiedenen Tätern unterschieden:

  • Die Zurückgewiesenen (vor allem Ex-Partner)
  • Die Beziehungssuchenden (Fehlwahrnehmung der Beziehung oder Liebeswahn)
  • Sozial inkompetente Stalker (überschreitet dauernd Grenzen)
  • Rachsüchtige Stalker (betrifft oft Ärzte oder Anwälte, die von Patienten oder Klienten verfolgt werden)
  • Beutelüsterne, krankhafte Stalker (psychopathisch, wollen Macht und Kontrolle ausüben)
  • Sadistische Stalker (geniessen es, wenn das Opfer leidet)

Das Problem für die Opfer: Stalking ist kein Straftatbestand. Erfasst werden nur die Taten, die unter Straftatbestand fallen, wie Nötigung, Drohung, Ehrverletzung, Verletzung von Geheim- und Privatbereich usw. Deshalb ist ein konsequentes Verhalten der Opfer unablässig:

  • Früh zur Polizei gehen und darauf beharren, dass alles zu Protokoll genommen wird.
  • Alle Handlungen des Stalkers protokollieren, damit klar wird, ob deren Intensität zunimmt. Darunter fällt jede Art von Kontaktaufnahme.
  • Das Opfer sollte einmal unmissverständlich «Stopp!» sagen und dann konsequent bleiben und jeglichen Kontakt unterbinden. Dieses Verhalten muss man belegen, auch gegenüber Polizei. Das kann zum Beispiel ein eingeschriebener Brief sein oder ein Schreiben durch einen Rechtsanwalt). Ab da muss das Opfer alles, was vom Stalker kommt, gegenüber diesem konsequent ignorieren. Kontakte dürfen höchstens noch über Dritte erfolgen, zum Beispiel einen Anwalt.
  • Nicht mehr auf Gespräche einlassen, denn diese werden das Problem nicht lösen. Ebenfalls keine Aktionen starten, um es dem Stalker heimzuzahlen.