Vom Umgang mit dunklen Geheimnissen

Manchmal ist die Wahrheit schwierig – zum Beispiel, wenn man ein dunkles Geheimnis einer nahestehenden Person kennt und nun entscheiden muss, wie man mit diesem Wissen umgeht.

Es ist ein Dilemma: Ist ein dunkles Geheimnis aufgedeckt, trägt es sich daran bisweilen schwer. Zum Beispiel, wenn eine zufällige Begegnung den Vater als Fremdgänger entlarvt, von dessen Doppelleben die Mutter nichts ahnt. Wem fühlt man sich dann mehr verpflichtet? Deckt man den Vater, indem man das Wissen für sich behält? Öffnet man der Mutter die Augen und setzt deren Beziehung aufs Spiel?

Was in solchen Momenten in jedem Mitwisser vor sich geht, nennt man eine «moralische Entwicklung»: Die einfachste Stufe wäre, mit der Wahrheit herauszurücken, weil das die Gesellschaft, die Religion oder welche Instanz auch immer erwarten – oder, anders gesagt: Weil man das halt so macht. Denkt man länger über den Konflikt nach, ergeben sich automatisch höhere moralische Entwicklungsstufen. Dann nämlich beginnt man darüber nachzudenken, welche Haltung im individuellen Fall vertretbar ist, wie man selbst zum Problem steht. Fällt schliesslich eine bewusste und reflektierte Entscheidung für eine bestimmte Reaktion (das kann auch sein, eben keine Reaktion zu zeigen), kann man hinter dieser Entscheidung stehen und sie im Konfliktfall auch gut begründen.

Konflikt von Gewissen und Loyalität

Im Falle des fremdgehenden Vaters bedeutet das: Als Sohn oder Tochter steckt man in einem Konflikt von Gewissen und Loyalität. Keine Seite ist schlechter oder besser als die andere. Es kann helfen, dem Vater den eigenen Konflikt anschaulich zu machen, ihm zu erklären, wie schwierig die eigene Situation nun ist. Fällt die Entscheidung, die Mutter einweihen zu wollen, kann man dann den Vater vorwarnen und ihm die Chance geben, der Mutter die Wahrheit zu sagen und sich selbst dadurch aus dem Konflikt, der ja nicht der eigene ist, zu ziehen.

Es gibt auch Situationen, die persönlich weniger nahegehen als familiäre Probleme – beispielsweise, wenn im Büro geklaut wird, und man selbst weiss, dass eine sehr nette, aber finanziell angeschlagene Kollegin in fremde Portemonnaies greift. Schütze ich sie und riskiere, dass sich schlechte Stimmung und Misstrauen im Team ausbreiten, oder sage ich, was ich weiss? Auch hier gibt es verschiedene moralische Entwicklungsstufen. Die niedrige wäre: Ich verrate die Kollegin, weil man einfach nicht stiehlt. Das ist auch die Stufe, auf der kleine Kinder oft argumentieren: Man darf etwas nicht tun, weil die Eltern das sagen oder man tut etwas, weil man direkt davon profitiert. Hier ist jedoch noch keine Selbstreflexion vorhanden.

Eine höhere Entwicklungsstufe ist: Ich verrate den Kollegen, weil mir bewusst ist, dass das Arbeitsklima sonst dauerhaft vergiftet wird – und kann das aufgrund meiner Vorüberlegungen so auch gut begründen. Klar aber bleibt: Einfach ist der Umgang mit den dunklen Geheimnissen anderer nie.