Wenn das eigene Kind «anders tickt»

Jedes Jahr wird rund 300 Mal bei Heranwachsenden die Diagnose Asperger gestellt, mehrheitlich bei Knaben. Deren Eigenheiten kriegen damit einen Namen – was durchaus auch eine Erleichterung ist.

Das Asperger-Syndrom ist eine Facette des Autismus – die Auswirkungen sind jedoch nicht so gross, als dass Menschen mit Asperger nicht in der Gesellschaft funktionieren könnten, wenn sie ihren Platz finden. Genau deshalb bleibt das Syndrom oft lange Zeit unerkannt.

Dennoch: Einfach ist der Umgang mit Menschen mit dem Asperger-Syndrom nicht. Daran erinnert sich auch Corinne Frey, wenn sie an die bisherigen 17 Jahre mit ihrem Sohn Elia zurückdenkt.

Als Elia 1998 als ihr erstes Kind zur Welt kam, war für die Eltern alles perfekt: Sie hatten ein liebes, zufriedenes Baby, das sich gut auch einmal mit sich selber beschäftigen konnte. Die ersten wirklichen Auffälligkeiten zeigten sich erst im Kindergarten. Elia spielte meistens für sich, weigerte sich, an Gruppenaktivitäten teilzunehmen und war die längste Zeit über in seiner eigenen Welt.

Verloren im Schulsystem

Als er dann in die Schule kam, wurde der Alltag mit ihm zunehmend anstrengend. Intellektuell hatte er keinerlei Probleme, hatte er sich doch in den Ferien vor Schulbeginn das Lesen selber beigebracht. Nicht klappen wollte es dagegen mit dem Schreiben auf Papier – ein Problem, das viele Menschen mit Asperger haben. Mit der Tastatur zu schreiben fällt ihnen dagegen meist leicht.

Auch das morgendliche Anziehen wurde zum Kraftakt. Elia bestand auf den Gummistiefeln mitten im Sommer oder dem T-Shirt bei Minusgraden – mit einer Beharrlichkeit, die anderen Kindern sonst fehlt. Diesen stoischen Widerstand zeigte er auch in der Schule: Unbeirrbar weigerte er sich, bestimmte Aufgaben zu machen, die er dann nach Hause brachte, um sie dort nachzuholen – ebenfalls gegen seinen grossen Widerstand, denn er wollte «die Schule in der Schule lassen», wie er heute seine Abneigung gegenüber den Hausaufgaben beschreibt.

Corinne Frey behalf sich mit einem Trick: Pro ausgefüllte Linie durfte er einmal mit ihr Verstecken spielen. Bis ein Arbeitsblatt ausgefüllt war, dauerte es so gut und gerne einen ganzen Nachmittag.

Hatten die Eltern zuerst noch auf eine schwierige Phase gehofft, zeigte sich jetzt: Seine Eigenheiten blieben. Damit eckte er auch bei seinen Mitschülern an, die ihn zunehmend mobbten. Um Elia zu mehr Selbständigkeit anzuregen und ihm die Möglichkeit zu geben, zu lernen, sich zu wehren, liessen die Lehrer sie meist gewähren. Ärzte, Schulpsychologen, Lehrer – ja auch die Eltern selbst: Sie alle gingen von einem schwierigen, sehr eigenen Kind aus, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Entlastende Diagnose

Erst in der fünften Klasse, Elia war zwölf, hörte Corinne Frey zufällig zum ersten Mal vom Asperger-Syndrom. Nach einer Nacht im Internet hatte sie selbst die Erklärung für alle Probleme der letzten Jahre gefunden. Abklärungen bestätigten ihren Verdacht.

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Die Welt als Puzzle - Leben mit dem Asperger-Syndrom

21 min, aus Reporter vom 17.11.2013

Dass Asperger-Kinder oft so lange keine Diagnose erhalten, liegt auch daran, dass sie kognitiv unauffällig sind: In den meisten Fällen sind sie normal begabt, manchmal sogar hochbegabt. «Für mich als Mutter ist es eine grosse Erleichterung gewesen, endlich zu wissen, warum er Schwierigkeiten hat, warum er aneckt», sagt Corinne Frey. Auch Elia nahm die Nachricht gut auf und war froh, dass es einen Grund gibt, warum ihm manches schwerfällt, und dass er nicht selbst Schuld ist an seiner Situation.

Doch damit war das Problem nicht gelöst. Das Mobbing nahm zu, die Schule lehnte eine offene Aufklärung der Mitschüler ab, um Elia «nicht zu schubladisieren». Als sich seine Schulangst schliesslich zu einer echten Todessehnsucht auswuchs, war für die Eltern das Fass zum Überlaufen gebracht: Sie nahmen ihren Sohn aus der Schule und unterrichteten ihn fortan selbst zu Hause – ein System, das die ganze Familie der ausgebildeten Lehrerin enorm forderte, Elia aber wegen des ruhigen Umfelds sehr entsprach. Sein «Homeschooling» war eine Erfolgsgeschichte, er schnitt in vielem überdurchschnittlich gut ab.

Öffentliches Bewusstsein nimmt zu

«Es ist ein exemplarischer Fall, der sich so hoffentlich heute nicht wiederholen kann», erklärt der Zürcher Jugendpsychiater Ronnie Gundelfinger dazu. In den letzten zehn Jahren habe das Interesse an Autismus stark zugenommen, schulische Heilpädagogen kennen das Asperger-Syndrom aber alle.

Zwar ist für Elia die Schulzeit jetzt erfolgreich zu Ende, doch nun folgt die schwierige Berufswahl. Menschen mit einem Asperger-Syndrom haben Mühe zu kommunizieren und sich auf neue Situationen einzustellen.

Elia würde deshalb am liebsten so weitermachen wie gehabt. Er zeigt grosses Talent fürs Programmieren – doch wie eine Ausbildung machen, wenn der Weg zur Arbeit für ihn nicht zu bewältigen ist? Wie die Zeit durchstehen, wenn allein der Gedanke an Schule für ihn plagt? Corinne Frey vertraut darauf, dass sich auch hier eine Nische finden wird, die ihrem besonderen Sohn am besten entspricht. Elia hat noch einige Hürden vor sich – aber eine starke Familie an seiner Seite.