Wenn die Marotte zum Zwang wird

Immer mit dem rechten Fuss voran aufs Trottoir, nie ohne Herdkontrolle aus dem Haus: Viele kennen solche Ticks aus ihrem Alltag. Krankhaft sind sie erst, wenn sie belastend werden.

120'000 Leute in der Schweiz leiden unter Zwangskrankheiten, in der Kindheit überwiegt der Anteil der Jungen etwas. Darunter fallen jedoch Menschen mit einfachen Marotten und Rituale nicht, die jeden mehr oder weniger ausgeprägt im Alltag begleiten. Denn die sind noch lange kein Problem, bestätigt auch Michael Rufer, Psychiater an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Unispitals Zürich und Präsident der schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen. «Das ist ganz normal. Zwänge gehören zum Leben dazu. Nur wenn sie sehr ausgeprägt werden, stören und nicht mehr zu ändern sind, werden sie zu einer Krankheit.»

Deswegen ist bei einer Marotte noch lange keine Panik geboten. Aber: Jede Marotte hat prinzipiell auch das Zeug, zum Zwang zu werden – eben wenn sie beginnt, zur Belastung zu werden, gegen die man aus eigener Kraft nicht mehr ankommt. Ein solches Beispiel sind Waschzwänge oder Kontrollzwänge. Woher sie kommen, ist oft unklar. «Es gibt nicht die eine Ursache, und ich würde sagen, die wird man auch nie finden», sagt Michael Rufer gegenüber Radio SRF 3. «Genetik kann eine Rolle spielen, muss aber nicht. Das Gleiche gilt für die Erziehung oder traumatische Erlebnisse.» Zwar kommen Zwänge familiär gehäuft vor, doch das lässt weniger den Rückschluss auf Vererbung zu als vielmehr darauf, dass Zwänge auch erlernbar sind, von den Eltern beispielsweise.

Rational irrational

Dem können ein grosses Sicherheitsbedürfnis, auch die Furcht vor Kontrollverlust oder allgemein Angst zugrunde liegen. Aber: Menschen mit Zwangserkrankungen sind nicht automatisch ängstlicher als andere. Und sie begreifen ihre Handlungen oft selbst nicht. Sie wissen, dass Kleidungsstücke, die einmal auf den Boden gefallen sind, nicht dauerhaft kontaminiert sind. Oder dass es kein Problem ist, Bierflaschen ungerader Anzahl im Kühlschrank zu haben. Sie wissen auch, dass der Herd, der vor drei Minuten noch aus war, unmöglich in der Zwischenzeit angegangen sein kann. Und dennoch: Der innere Zwang ist zu gross, um sich ihm zu widersetzen.

Von selbst heilt eine Zwangsstörung nur selten aus. Von einer Therapie profitieren zwei Drittel der Betroffenen. «Ein Drittel wird geheilt, ein Drittel lernt, damit umzugehen, einem Drittel kann man aber nach den heutigen Methoden leider kaum helfen», sagt Michael Rufer.

Ein Drittel wird geheilt

In einer Therapie versuchen Therapeut und Patient erst einmal gemeinsam, den Auslöser für den Zwang zu finden. Dann setzt sich der Patient begleitet vom Therapeuten den Situationen aus, die die Zwänge provozieren. Dabei ergründen sie: Welche Gefühle kochen hoch? Ist die Situation auszuhalten? Was passiert? Allein die Erfahrung, dass nichts Schlimmes eintritt, kann Patienten schon einen grossen Schritt voran bringen. Dann ist viel Eigenarbeit gefordert: Die Betroffenen beginnen, sich nach einem festen Plan immer wieder in die Situationen zu begeben und sie auszuhalten. Die Übungen werden dabei immer ein wenig variiert.

Manchmal kommen auch Medikamente zum Einsatz, denn Zwangsstörungen treten wegen der belastenden Situation oft gemeinsam mit Depressionen auf. Die medikamentöse Begleittherapie kann sehr wichtig sein. «Jemand, der sehr resigniert ist, wird von einer Therapie, die doch sehr viel Eigeninitiative erfordert, nicht profitieren», betont Michael Rufer. Eine alleinige medikamentöse Therapie bringt jedoch nichts. Selbst wenn sich die Zwänge währenddessen gebessert haben, kehren sie nach Absetzen des Medikaments fast immer wieder.

OP als letzter Ausweg

Für Menschen, bei denen alle gängigen Ansätze versagt haben, gibt es die Möglichkeit eines chirurgischen Eingriffs. Dabei wird ihnen ein Stimulator ins Gehirn implantiert, der bestimmte Hirnregionen anregt. Die langfristige Wirksamkeit ist hier aber noch offen.