Weshalb Schiris manchmal daneben liegen

Schiedsrichter müssen in Sekundenbruchteilen entscheiden und werden dabei nicht nur vom Regelwerk geleitet. Die unbewussten Einflüsse sind nicht zu unterschätzen.

Valon Behrami, Philippe Senderos, Goekhan Inler und Diego Benaglio sind an der WM-Partie gegen Frankreich mit einem Entscheid unzufrieden und bestürmen Schiedsrichter Bjorn Kuipers.

Bildlegende: «Aber Schiri!!!» Der Unparteiische ist nicht nur dem Unmut der Spieler ausgesetzt. Rund herum sorgt auch das Publikum für Stimmung. Keystone

Der Mann mit der Pfeife hat's nicht einfach: Wie sich an der WM in Brasilien schon mehrfach gezeigt hat, wird das Spiel nicht nur immer schneller – auch die Schauspielkünste der Spieler haben Fortschritte gemacht. Und die moderne Technik erlaubt es im Nachhinein der ganzen Welt, jeden Entscheid in hochauflösender Superzeitlupe aus allen möglichen Blickwinkeln zu analysieren.


Psychologie der Schiedsrichterentscheide

3:25 min, aus Heute aktuell vom 24.06.2014

Erweist sich ein (ausgebliebener) Pfiff im Nachhinein als Fehler, ist das ärgerlich genug. So richtig in Wallung gerät das Zuschauerblut jedoch bei «offensichtlichen» Fehlentscheiden gegen die eigene Mannschaft.

Aber was macht es aus, ob der Schiedsrichter nach einem groben Foul die gelbe oder rote Karte zückt, oder es gar nur bei einer Ermahnung belässt?

Der Einfluss der lauten Masse

Auch wenn der Zusammenhang derart offensichtlich ist, dass man kaum daran glauben möchte: Eine grosse Rolle spielt die Reaktion des Publikums. Je lauter und empörter dieses reagiert und Sanktionen fordert, desto grösser die Chance, dass der Schiri die gelbe Karte tatsächlich zückt. Umgekehrt führt eine verhaltene Zuschauerreaktion eher dazu, dass ein Foul als weniger schwer eingestuft wird.

Und nimmt sich ein Spielleiter vor, dem sogenannten «Crowd-Noise-Effect» nicht aufzusitzen, passiert das häufig eben doch – einfach unter anderen Vorzeichen: Wer sich zum Beispiel vornimmt, nicht als Heimschiedsrichter zu erscheinen, läuft Gefahr, sich im Zweifelsfall einfach gegen die lautstark geäusserte Heimzuschauermeinung zu entscheiden.

Rot ist besser als schwarz

Weniger offensichtlich als die Macht des Lärms ist der Einfluss der Farbe. So hat eine sportpsychologische Untersuchung der University of Florida ergeben, dass schwarz gekleidete Teams als aggressiver wahrgenommen und härter bestraft werden als solche in anderen Farben.

Wobei Mannschaften in Rot grundsätzlich am besten zu fahren scheinen. An der Universität von Durham ist man jedenfalls zum Schluss gekommen, dass bei Spielen zwischen gleichwertigen Mannschaften häufiger jene in Rot gewinnt. Die Erklärung der Forscher: Intensives Rot macht attraktiv und suggeriert dem Gegner ein Gefühl von Unterlegenheit – ganz wie in der Tierwelt oder im normalen Leben abseits des Fussballplatzes.

Grösser gleich böser

Apropos «wie im richtigen Leben»: Forscher der Erasmus-Universität in Rotterdam sind zum Schluss gekommen, dass foulende Spieler im Schnitt deutlich grösser sind als die Gefoulten. Ihre Erklärung: Grössere Spieler werden allgemein als aggressiver wahrgenommen als kleine, was dazu führt, dass sich der Schiedsrichter im Zweifelsfall eher auf die Seite des vermeintlich Schwächeren stellt. Was zwar nicht unbedingt fair ist, aber durchaus verständlich.