«Wie geht es Dir?»

Mit dieser Frage wollen verschiedene Kantone und Pro Mente Sana für psychische Erkrankungen sensibilisieren. Besonders am Arbeitsplatz könnten Chefs, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vieles besser machen. Experten sagen: Macht es so wie das Langenthaler Familienunternehmen «Création Baumann».

Ein verzweifelter Mann wird von einer Frau getröstet.

Bildlegende: Leihen Sie Arbeitskollegen mit psychischen Problemen Ihr Ohr, aber verzichten Sie auf ungebetene Ratschläge. imago

Das Arbeitsklima in Langenthal ist gut, aber es gibt sie, die Ausnahmen: Jedes Jahr haben bis zu fünf der rund 170 Angestellten akute gesundheitliche oder psychische Probleme. Das wird nicht unter den Teppich gekehrt, sondern thematisiert.

Geschäftsleitungsmitglied Anton Minder spricht von einer offenen Gesprächskultur. «Grundsätzlich ist es so, dass wir primär das Gespräch in der Firma suchen. Die Person öffnet sich, oder sie öffnet sich nicht. Und wenn wir sehen, dass sich das Verhalten nicht ändert, empfehlen wir, einen Schritt weiterzugehen und mit der Proitera in Kontakt zu treten.» Proitera – das ist eine externe Beratungsfirma mit Standorten in der ganzen Schweiz, die berät und Coachings anbietet.

Wer nicht direkt zur Chefin oder zum Chef gehen will, kann auch zuerst Rat bei der Personalkommission suchen, mündlich oder mit einer kurzen Notiz, sagt Christine Tanner von der Kommission. «Wir haben einen physischen Briefkasten, wo man ein Schreiben deponieren kann, wenn man sich nicht zu sehr exponieren möchte.» Aber natürlich: Wer sein Problem angehen will, muss sich im vertraulichen Rahmen öffnen.

Dass Kollegen angeschwärzt würden, habe sie noch nie erlebt. Dass unter Arbeitskollegen festgestellte Veränderungen im Team thematisiert werden, hingegen schon. Christine Tanner begrüsst diese Firmenkultur. «Es wird zu uns geschaut. Wenn es jemandem nicht gut geht, bleibt man da lange dran und schaut, dass der Mitarbeiter möglichst blieben kann.»

So wie etwa die Angestellte, die wegen eines Burnouts zwei Mal ausgefallen ist – insgesamt für über ein Jahr. Nach der akuten Erschöpfung ist das Pensum schrittweise erhöht worden bis auf aktuell 60 Prozent, wie ihr Mann erzählt: «Die Situation hat sich stabilisiert. Wo es zu wenig Leute hat, wird sie eingesetzt.»

Probleme nicht ignorieren, sondern ansprechen

Die Gespräche mit Vorgesetzten oder auch die externe Beratung sind vertraulich und so entscheidet jede und jeder selbst, was er oder sie am Arbeitsplatz ansprechen will. Das Team seiner Frau wisse aber Bescheid – ein offenes Team helfe. «Man soll einfach auf die Leute zugehen und sie nicht meiden oder ignorieren, sondern das Gespräch suchen.»

Die Frage «wie geht es dir» sei angebracht und biete sich ja auch nach einem Beinbruch oder einem Herzinfarkt an. Sie hätten so nur gute Erfahrungen gemacht, sagt Anton Minder von der Geschäftsleitung des Familienbetriebs. «Wir stehen zu unserem Personal und wollen langfristige Mitarbeitende. Wer schon Jahre bei uns im Hause ist, hat sich ein enormes Fachwissen angeeignet. Dieses zu verlieren, nur weil jemand in so eine Situation gerät, wäre einfach falsch.»

Diese Haltung und die Wertschätzung jedes Einzelnen sind gute Voraussetzungen für ein vertrauensvolles Klima. Das senkt Hürden, um auch über psychische Probleme zu sprechen.

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