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Körper & Geist Sterbefasten: Erstmals klare Leitlinien

Immer mehr Hochbetagte wollen ihr Ableben mit Sterbefasten beschleunigen. Sie verzichten freiwillig auf Essen und Flüssigkeit. Das bedeutet für Ärzte und Pflegepersonal oft eine Herausforderung. Neue medizinisch-ethische Richtlinien verschaffen den Beteiligten mehr Handlungs-Sicherheit.

Legende: Video Sterbefasten – Herausforderung fürs Gesundheitssystem abspielen. Laufzeit 7:07 Minuten.
Aus Puls vom 11.06.2018.

Die leitenden Ärzte in Hospizen und Palliativzentren sehen sich immer häufiger mit dem Wunsch nach Sterbefasten konfrontiert: Hochbetagte und unheilbar kranke Menschen möchten in Obhut eines Heims freiwillig auf Nahrung und Flüssigkeit verzichten und so ihr Sterben beschleunigen.

«Der Wunsch nach selbstbestimmtem Sterben nimmt allgemein zu, und das Sterbefasten wird in letzter Zeit häufig als Alternative zum assistierten Suizid propagiert», stellt der Arzt Christian Kind fest. Als Präsident der Subkommission hat er am 6. Juni 2018 in Bern die neuen Richtlinien «Sterben und Tod» der Schweizerischen Akademie Medizinischer Wissenschaften SAMW vorgestellt. Erstmals enthalten diese auch ein Kapitel über Sterbefasten und reagieren damit auf den gesellschaftlichen Trend.

Sorgfältige Abklärung und Durchführung zwingend

Wenn eine urteilsfähige Person freiwillig und klar den Wunsch zum Sterbefasten äussert, um den Sterbeprozess zu beschleunigen, darf und soll das pflegende Personal dies gemäss den neuen Richtlinien respektieren. Der Ablauf des Sterbefastens muss aber sorgfältig geplant sein.

Besonders bei Patienten mit einer fortgeschrittenen kognitiven Beeinträchtigung, wie etwa einer Demenz, muss das Fachpersonal genauer hinschauen: In diesem Fall gilt es abzuklären, ob der Wunsch, auf Nahrung und Flüssigkeit zu verzichten, dem Willen entspricht oder andere Gründe dahinter stecken.

In den Richtlinien ist auch der Umgang mit Medikamenten zur Symptombekämpfung und Sedierung während des Sterbefastens geregelt.

Sterbefasten entzweit Ärzte

Ob die Unterstützung des Sterbefastens zur Aufgabe von Hospizen und Pflegeinstitutionen gehört, wird von Ärzten kontrovers diskutiert. Für den Arzt und Dozent Albert Wettstein ist es eine natürliche und ruhige Art des Sterbens, wenn der Patient fachkundig betreut wird. «Es ist deutlich friedlicher, als wenn man unter dem Druck steht, einen Becher eines tödlichen Medikaments zu trinken», sagt Albert Wettstein. «Es ist ein natürlicher Prozess, der umso schneller und einfacher abläuft, je kränker und älter man ist.»

Um einiges zurückhaltender steht Jan Gärtner zum Sterbefasten. Er ist leitender Arzt des Palliativzentrums Hildegard in Basel, welches auch eine Hospiz-Abteilung anbietet. «Wir wollen Leiden verhindern, aber nicht durch Herbeiführung des Todes», sagt Jan Gärtner. «Zudem verläuft das Sterbefasten oft überhaupt nicht so sanft. Es treten belastende Nebenwirkungen wie grosser Durst, Verwirrtheit und Halluzinationen auf.»

Sowohl Gärtner, wie auch Wettstein begrüssen die neuen SAMW-Richtlinien als wichtige und hilfreiche Richtschnur für den praktischen Umgang mit dem Sterbefasten.