Strom gegen Depression

Still und leise hat sich die Elektrokrampftherapie in der Depressionsbehandlung wieder etabliert. Jahrzehntelang war die Behandlung mit Elektroschocks verpönt – heute wird damit Schwerstdepressiven erfolgreich geholfen.

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Elektroschock-Therapie – Strom gegen Depression

17 min, aus Puls vom 19.9.2016

Eine öffentlich längst abgeschriebene Therapieform erlebt auch in der Schweiz eine heimliche Renaissance: Gut 100 Patienten jährlich werden hierzulande mit der Elektrokonvulsionstherapie behandelt. Der deutsche Begriff «Elektrokrampftherapie» veranschaulicht, welche Grundidee ursprünglich dahinter steckte: Gezielt verabreichte Elektroschocks sollten heilsame Muskelzuckungen auslösen.

Der Gedanke, dass dies positive Effekte auf die Psyche haben könnte, geht auf die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Der ungarische Mediziner Ladislas J. Meduna war überzeugt, dass Epilepsie und Schizophrenie einander diametral entgegengesetzte Erkrankungen seien. Zur Behandlung von schizophrenen Störungen versuchte er deshalb, künstlich epileptische Anfälle mit den typischen Muskelkrämpfen auszulösen – durch Injektion von Kampfer und Cardiazol.

Stromstösse statt Angstschübe

1934 wandte er dieses Verfahren erstmals bei einem schwer katatonen Patienten an. Mit einigem Erfolg. Die Methode verbreitete sich daraufhin schnell, da sie neue Möglichkeiten bei der Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen eröffnete. Der Fortschritt war allerdings teuer erkauft: Die medikamentös ausgelösten Anfälle waren kaum zuverlässig steuerbar, und die Patienten litten als Nebenwirkung der eingesetzten Substanzen oft unter schweren Angstzuständen.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma fand der italienische Psychiater Ugo Cerletti, der seit Anfang der 1930er-Jahre die Auswirkungen elektrisch ausgelöster epileptischer Anfälle auf Tierhirne erforscht hatte. Gemeinsam mit seinen Assistenten entwickelte er ein Verfahren, das eine gezieltere und nebenwirkungsärmere Behandlung mittels Elektroschocks ermöglichen sollte.

1938 fand diese Methode erstmals Anwendung: Nach elf Sitzungen zeigte der Patient deutliche Besserung der Symptome. In der Folge löste die Elektrokrampftherapie die pharmakologische Krampftherapie in den psychiatrischen Kliniken auf breiter Front ab und brachte speziell bei der Behandlung affektiver Störungen beeindruckende Resultate.

Verteufelte Psychotherapie

Dass die EKT dennoch in Vergessenheit geriet, lag zum einen an den Fortschritten in der medikamentösen Behandlung psychischer Störungen. In den 1950er-Jahren setzte man darauf grösste Hoffnungen – die rückblickend herb enttäuscht wurden: Seit den 1990er-Jahren gibt es keine neuen Ansätze mehr in der Medikamentenforschung, und immer mehr Firmen ziehen sich aus diesem Geschäft zurück.

Viel stärker setzte der EKT aber der Zeitgeist der 1960er- und 1970er-Jahre zu: Die Psychotherapie wurde grundsätzlich in Frage gestellt und im Film-Klassiker «Einer flog über das Kuckucksnest» als sadistisches Machtinstrument ohne medizinischen Nutzen gebrandmarkt.

Filmplakat von one flew over the cuckoo's nest

Bildlegende: Milos Formans Film von 1975 versetzte der Elektrokrampftherapie einen schweren Schlag. imago

Speziell Jack Nicholsons Darstellung als hilflos unter den Elektroschocks zuckendes Psychiatrieopfer brannte sich derart ins öffentliche Bewusstsein ein, dass die EKT nachhaltig aus den Kliniken verschwand – auch in der Schweiz.

Sackgasse Antidepressiva

Die solchermassen in Verruf geratene Therapieform erfreut sich unterdessen in der Depressionsbehandlung nicht nur hierzulande einer stillen Renaissance. Der Grund: Auf die verbreitet eingesetzten Antidepressiva spricht rund ein Drittel der Patienten nicht an, und die Medikamente weisen teils auch erhebliche Nebenwirkungen auf. Alternativen sind gefragt. Hoffnungen setzt man zum Beispiel in die Wachtherapie – oder eben EKT.

Zwar war sie auch in der Schweiz verpönt und wurde nicht mehr gelehrt. Gänzlich war die EKT aber nie aus dem Repertoire der psychiatrischen Einrichtungen verschwunden: In Zürich und Bern wurde sie vereinzelt immer wieder eingesetzt. Und in den 1990er-Jahren wurde die EKT in der psychiatrischen Klinik Königsfelden sogar offiziell wieder ins Behandlungsportfolio aufgenommen – was international für einiges Aufsehen sorgte.

Früher Einsatz oder letztes Mittel?

Mit der brachialen Darstellung im Hollywood-Film von 1975 hat die heutige Anwendung nichts gemein: Schon seit den 1950er-Jahren wird den Patienten vorab ein entspannendes Mittel verabreicht, das die Muskeln erschlaffen und beim Stromstoss nicht mehr wild zucken lässt. Jede Behandlung wird zudem durch ein eingespieltes Team durchgeführt und minutiös überwacht. Und ohne das Einverständnis des Patienten wird die EKT auch nicht angewendet.

Mittlerweile ist die Zahl der Elektrokrampftherapien in der Schweiz stetig leicht gestiegen auf die eingangs erwähnten rund 100 Fälle pro Jahr. Hier kommt der Elektroschock aktuell als letzte Behandlungsoption bei therapieresistenten oder besonders schweren, lebensbedrohlichen, psychotischen Depressionen zum Einsatz.

Seniorin mit Elektroden während einer Elektrokonvulsionstherapie-Sitzung

Bildlegende: Vor der EKT-Sitzung im Spital Heiden wird der Patientin ein muskelentspannendes Mittel gegeben. SRF

In Frage käme die Behandlung gemäss den aktuellen Richtlinien für geschätzte zwei- bis dreimal so viele Patienten.

Und es gibt Ärzte wie Dr. Mario Etzensberger, den früheren Direktor der psychiatrischen Anstalt Königsfelden, die sich für einen deutlich früheren Einsatz der EKT aussprechen: «Bei mittleren bis schweren Depressionen, vor allem in Verbindung mit Symptomen wie Wahnideen, Halluzinationen oder schweren körperlichen Symptomen, sollte man die Patienten eigentlich darauf hinweisen, dass die Behandlung mit der schnellsten Wirkung und den wenigsten Nebenwirkungen die EKT ist. Wenn dann jemand auf diese Behandlung verzichtet, müsste an zweiter Stelle Medikamente und Psychotherapie angeboten werden.»

Gegen einen Einsatz der EKT noch vor Medikamenten und Psychotherapie spricht sich Prof. Daniel Hell aus. Der frühere Direktor der psychiatrischen Uniklinik Zürich warnt vor zu grossen Erwartungen: «Die EKT-Behandlung ist gut, um in verzweifelten Situationen einen Durchbruch zu erzielen. Sie wirkt schnell, aber nicht lang.»

Auf der Suche nach neuen Ansätzen

20 Prozent der Patienten sprechen auf die Elektrokonvulsionstherapie nicht an. Für diese braucht es neue Ansätze wie die tiefe Hirnstimulation oder die Vagus-Nerv-Stimulation. Gerade vom «Hirnschrittmacher» versprechen sich die Forscher wichtige Erkenntnisse über die Ursachen und Wirkungen der Depression – und nicht zuletzt auch darüber, wie und warum die EKT eigentlich genau wirkt.

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