Traditionelle europäische Naturheilkunde

Die Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN) ist ein umfassendes, ganzheitliches Medizinsystem zwischen Antike und Moderne, mit einer Vielzahl von diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten.

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Reise durch die Alternativmedizin (3) - TEN

4:59 min, aus Puls vom 22.2.2016

Die Liste ist lang, wenn es um die traditionelle, europäische Naturheilkunde geht. Unter dem Oberbegriff TEN gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Diagnose- und Therapieverfahren. Unter anderem auch Verfahren, die in anderen Bereichen der Alternativmedizin Anwendung finden. Sei es in der traditionellen chinesischen Medizin oder auch im modernen Wellnessbereich.

Diagnose- und Therapieverfahren der TEN

Diagnosemöglichkeiten
Therapieverfahren
Manuelle und visuelle Untersuchung von Körperstruktur, Bindegewebe und HautbildDiätetik:
Ordnungstherapie, die Lehre von der gesunden Lebensführung
Antlitzdiagnose:
Krankheitszeichen im Gesicht werden gefunden
Ernährungsheilkunde:
individuell angepasste Auswahl und Zubereitung der Nahrung
Augendiagnose:
Die Zeichen von Iris, Bindehaut und Lid zeigen die Konstitution und geben Hinweise auf die Krankheitsentstehung
Phytotherapie:
Pflanzenheilkunde, innerlich und äusserlich anwendbar
Pulsdiagnose:
Qualität und Stärke des Pulses geben Informationen über die Lebensenergie und die Säfte im gesamten Organismus
Spagyrik:
Zubereitungen von Heilpflanzen nach Paracelsus
Zungendiagnose:
Durch Betrachten der Organzonen und des Belages auf der Zunge werden Hinweise auf deren entsprechende Organfunktionen gefunden
Hydrotherapie:
Wasser- und Wickelanwendungen nach Kneipp
Reflexzonen- und Segmentdiagnostik:
Reflex- und Organzonen können Hinweise auf Störungen innerer Organe oder Organsysteme geben
Physikalische und manuelle Therapien
wie Massagen, Einreibungen, Körperübungen

Ausleitende Verfahren
wie Schröpfen, Blutegel, Baunscheidtieren, Darmreinigung mittels Salzen, Colon-Hydrotherapie

Regulationsmethoden
wie Übungen zur Verbesserung der Körperwahrnehmung, Meditationstechniken, Atemtherapie, Klimatherapie

Informationsmedizin:
Anwendung elektromagnetischer Geräte, zum Beispiel zur Verbesserung der «Kommunikations»- und Funktionsfähigkeit von Organen und Geweben

Reflexzonentherapie, Chiropraktik, Osteopathie etc.

Grundidee

Die naturheilkundlichen Praktiken basieren auf der Vorstellung, dass der menschliche Körper normalerweise über genügend Selbstheilungskräfte verfügt, um sich selbst gesund zu erhalten und im Krankheitsfall zu heilen. Eine ungesunde Lebensführung, wie zum Beispiel falsche Ernährung, Mangel an Bewegung, Schlaf und frischer Luft sowie körperliche oder seelische Belastungen, kann die Eigenregulation des Körpers stören und dadurch Krankheiten auslösen.

Bei einer Behandlung mit naturheilkundlichen Praktiken stehen nicht die einzelnen Krankheitssymptome im Mittelpunkt, sondern es wird versucht, die Selbstheilungskräfte des Körpers auf natürlichem Weg anzuregen und zu unterstützen.

Die TEN sieht den Menschen als nicht trennbar von seiner Umwelt. Sie geht davon aus, dass die Natur und ihre Elemente auch im Menschen wirken und sein Leben in Gesundheit und Krankheit prägen.

So werden die traditionellen Grundelemente Luft, Wasser, Feuer und Erde heute als Wirkprinzipien verstanden. In der Antike wurden diesen Elementen vier «Säfte» mit ihren je anders gemischten Qualitäten warm, kalt, feucht und trocken zugeordnet:

  • Blut (Sanguis)
  • Schleim (Phlegma)
  • Gelbgalle (Cholera)
  • Schwarzgalle (Melancholera)

Geschichtlicher Hintergrund

Das Grundprinzip der Naturheilkunde geht auf die griechische Antike zurück. Der griechische Arzt Hippokrates (460-377 v. Chr.) als Vertreter der umfassenden Humoralpathologie (Viersäftelehre) machte sich für die Heilkraft der Natur stark. Er war überzeugt davon, dass eine natürliche Lebensweise mit einer ausgewogenen Ernährung und mit ausreichend Bewegung und Ruhe die Voraussetzung für eine gute Gesundheit sei.

Durch die Jahrhunderte hindurch änderten sich die therapeutischen Konzepte, aber das naturheilpraktische Denkmodell blieb erhalten. So stellte auch der Arzt und Alchemist Paracelsus (1493-1541) die Heilkraft der Natur in den Mittelpunkt seines Denkens und betonte, dass für jede Krankheit ein Heilmittel in der Natur gefunden werden könne.

Im Verlauf der Jahrhunderte bildete sich eine «Heilerhierarchie» heraus zwischen akademisch ausgebildeten Ärzten, Wundärzten, Apothekern und Hebammen einerseits und den Heilkundigen unterschiedlicher Herkunft und Ausbildung andererseits. Erfahrungsheilkundige wurden abschätzig auch als «Quacksalber», «Scharlatane» oder «Kurpfuscher» bezeichnet. Bis ins 19. Jahrhundert wendeten aber auch gelehrte Ärzte ausleitende Verfahren wie zum Beispiel den Aderlass an.

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Medizin mehr und mehr wissenschaftlich. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich der Berufsstand der Ärzte durch, denen nun die ausschliessliche Kompetenz in medizinischen Fragen zugeschrieben wurde. Parallel entwickelte sich, ausgehend von den Heil- und Bäderkuren, in Deutschland und Österreich eine regelrechte Naturheilbewegung.

Den Begriff «Naturheilkunde» prägte 1849 der deutsche Militärarzt Lorenz Gleich (1798-1865), der Gründer des «Vereins zur Förderung der Naturheilverfahren». 1869 wurde die deutsche Kurierfreiheit eingeführt, sie wurde 1939 vom Heilpraktikergesetz abgelöst. Mit der Einführung des Gesetzes wurde erstmals unter der Bezeichnung «Heilpraktiker» eine Voraussetzung für eine Zulassung für Naturheilkundige geschaffen. Bis heute hat sich die Naturheilkunde in zahlreichen Ländern etabliert.

In der Schweiz sind die Berufsbedingungen für Naturheilpraktiker kantonal sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht vom absoluten Verbot bis zur völligen Liberalisierung der Heiltätigkeit und bis zur kantonalen Approbation von Naturheilkundigen. Unterdessen gibt es sogar Naturheilpraktiker/in mit eidgenössischem Diplom in traditioneller europäischen Naturheilkunde.

(Quelle: EMR und IGT)

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