Vom Blutegel gesund gebissen

Blutegel sind gewöhnungsbedürftig - aber gesund, vor allem deren Speichel, den sie beim Saugen in den Körper abgeben. Er enthält über 30 Substanzen, die bei Gelenkschmerzen, Furunkeln oder Sehnenscheidenentzündungen helfen sollen.

Video «Vom Blutegel gebissen - Das Versuchskaninchen testet die Hirudotherapie» abspielen

Das Versuchskaninchen testet die Hirudotherapie

7:07 min, aus Puls vom 12.4.2010

Heilsame Wirkung hat der Blutegel wegen seines Speichels, den er während dem Beissen in den Körper des Patienten spritzt: Dieser enthält mehr als 30 verschiedene Substanzen, die eine heilsame Wirkung haben. Manche davon sind erforscht, etwa Hirudin, das auch synthetisch hergestellt werden kann und die Blutgerinnung verhindert, oder Histamin, das die Gefässe erweitert. Andere Substanzen lindern Schmerzen, wirken entzündungshemmend und antiseptisch.

Den eigentlichen Biss bemerkt der Gebissene meistens nicht. Zu Beginn der Saugphase spürt man meist ein leichtes Brennen, vergleichbar mit der Berührung einer Brennessel. Wenn nach wenigen Minuten der Speichel zu wirken beginnt, verschwindet der Schmerz.

Starkes Nachbluten

Der Blutegel saugt in 30 bis 90 Minuten rund 10 bis 20 Milliliter Blut. Nachdem er fertig getrunken hat, fällt er von selber ab. Danach blutet die Wunde nach, manchmal bis zu 12 Stunden. Normalerweise verliert der Patient pro Blutegel-Bisswunde einen halben Deziliter Blut. Leute mit Bluterkrankheit oder Blutverdünner dürfen deshalb keine Blutegel ansetzen.

Die Bisswunde ist danach – ähnlich einem Insektenstich – noch eine Weile zu sehen sollte aber nach zwei bis drei Wochen verheilt sein. Ein leichter Juckreiz ist während zwei bis drei Tagen zu spüren. Die verwendeten Blutegel werden getötet. Würde man die Egel bei verschiedenen Personen saugen lassen , wäre das Risiko übertragbarer Krankheiten zu gross, sagt Dominique Kähler Schweizer, welche Blutegel in der Schweiz verkauft. Bei ihr werden die Tiere nach der Therapie tiefgefroren. Da sich die verwendeten Zucht-Egel von einheimischen Blutegeln unterscheiden, dürfen sie nicht in Gewässern ausgesetzt werden.

Die bekannteste der rund 300 Blutegel-Arten ist der «Hirudo medicinalis». Blutegel werden bis zu 30 Jahre alt. Von einer Blutmahlzeit können sie gut zwei Jahre lang überleben. Einst waren die Tiere in der Schweiz weit verbreitet, wurden aufgrund der übermässigen Verwendung aber stark reduziert und stehen heute unter Schutz. Die medizinischen Blutegel stammen aus Zuchten in Deutschland oder werden in der Türkei wild gefangen. In der Schweiz sind sie in ausgewählten Apotheken erhältlich und sind steril.

Anwendung gegen Arthrose oder Furunkel

Die Therapie mit Blutegeln ist bereits Tausende Jahre alt. In Russland hat sich die Therapie bis heute gehalten und wird auch an grösseren Spitälern angewendet.

In der Schweiz erlebt die sogenannte Hirudotherapie vor allem bei Naturheilpraktikern eine Renaissance. An den Spitälern hingegen zeigen sich die von «Puls» angefragten Gefässspezialisten der «mittelalterlichen Methode» gegenüber höchst skeptisch. Einzig in der plastischen Chirurgie kommen Blutegel regelmässig zum Einsatz. Etwa bei der Replantationen – z.B. eines abgetrennten Fingers der wieder angenäht wurde –, wo sie gestautes Blut lösen.

Bereits existieren Studien, die den Blutegeln eine gute Wirkung bei Arthrose, etwa im Knie oder im Daumen, attestiert. Laut der Ärztin und Blutegel-Therapeutin Dominique Kähler Schweizer können die Blutegel die Schmerzen bei manchen Leuten für mehrere Monate lindern. Bei Furunkeln, Abszessen und grossen Blutergüssen gebe es zudem kaum eine effizientere Methode als Blutegel – diese würden viel schneller verheilen, wenn Blutegel daran gesetzt würden.

Blutegel könnten auch die Schmerzen bei Tennisarmen oder Sehnenscheidenentzündungen lindern. Naturheilpraktiker bieten Blutegel auch als Behandlung gegen Krampfadern, Besenreiser, Tinnitus, Kopfweh oder Rückenschmerzen an. Hier allerdings sei die Wirkung eher «ein Pröbeln», sagt Naturheilkunde-Professor Reinhard Saller, als dass die Wirkung mit Studien untermauert sei.