Geschichten über «äägelige Urnäscher» von Esther Ferrari

«Mensche sönd wie Bömm», schreibt Esther Ferrari im Vorwort zu ihren Charakterstudien aus Urnäsch. Wie bei den Bäumen sind es auch bei den Menschen die krummen, verwachsenen Gestalten, die eine Gegend «riich und äägelig» machen.

Ausschnitt aus Buchcover «Vo äägelige Urnäscher» von Esther Ferrari
Bildlegende: Ausschnitt aus Buchcover «Vo äägelige Urnäscher» von Esther Ferrari zvg

Von solchen Gestalten und von ihren Schicksalen und Erlebnissen handelt das Buch, von starken Frauen, saufenden Ehemännern und kinderreichen Familien. Nichts ist dabei erfunden. Esther Ferrari, selber Appenzellerin und seit über 50 Jahren in Urnäsch wohnhaft, hält ihre eigene und die Erinnerung der Urnäscher an die früheren «Dorforiginale» fest. Die Erinnerung an eine Zeit, die uns unendlich fern scheint, die aber doch erst zwei, drei Generationen zurückliegt.

Harte Zeiten, rauhe Sitten

Damals war die Armut fast eine Volkskrankheit, erzogen Lehrpersonen die Kinder mit Körperstrafen, war Sexualität so vollständig tabuisiert, dass junge Mädchen panisch fürchteten, ein Kuss könnte sie schwanger machen. Aber es war auch eine Zeit, als die Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt untereinander selbstverständlich waren (vorausgesetzt, es ging nicht über die Grenzen der eigenen Konfession hinaus), als die «Stroosseförber» (Strassenwischer) noch jeden Morgen gemütlich ihren Dreier in der Wirtschaft tranken und als die ganzen prekären Verhältnisse mit einer gewissen Gelassenheit und mit Humor ertragen wurden.

Appezöllerisch us Usserrode

Von all dem erzählt Esther Ferrari im sehr «äägeligen» Urnäscher Dialekt, mit kraftvollen Ausdrücken wie «en Scholle uselache» (schallend lachen) oder «en Sidige binenand ha» (angesäuselt sein); mit alten Begriffen wie «Bschtöckti» (Jauchegrube) und «Ruuchwercher» (Holzfuhrleute). Wenn ein Konrad schon als kleiner Junge «ase en püürsche gsee esch», dann bedeutet das nicht «bäurisch» in einem despektierlichen Sinn, sondern bezeichnet jemanden, der zum Bauern geboren ist; genauso, wie ein «chläusiger» einer ist, der fürs Leben gerne bei den Silvesterchläusen mitmacht. Und zuweilen ist man dankbar, dass sämtliche Erzählungen auch in eine hochdeutsche Fassung übersetzt und abgedruckt wurden. Etwa bei diesem Kapitelanfang: «E chli ardlecher chiits vomene andere Ehepäärli», übersetzt: «Seltsames weiss man von einem anderen Ehepaar».

«Vo äägelige Urnäscher» ist eine Mischung aus Dorfanekdoten, Sozialgeschichte und Mundartdokument aus dem frühen und mittleren zwanzigsten Jahrhundert.

Buchtipp

  • Esther Ferrari: Vo äägelige Urnäscher. Geschichten über Urnäscher Originale, erzählt in Urnäscher Mundart und in Schriftsprache. Appenzeller Verlag. 2017

Moderation: Riccarda Trepp, Redaktion: Markus Gasser