Schuhrevolution vor 500 Jahren Dicke Sohle, fester Schritt

Das haltbare und komfortable Schuhwerk unserer Tage verdanken wir dem späten 16. Jahrhundert.

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Die Schuhe der Dietschis: Original 1517

2:06 min, aus Im Schatten der Burg – Leben vor 500 Jahren vom 14.7.2017

Das finstere Mittelalter war schuhtechnisch tatsächlich eine dunkle Zeit. Mit dem Untergang des römischen Reiches war auch das Wissen um das Schuhwerk verloren gegangen, mit dem die Legionen durch die halbe damals bekannte Welt marschiert waren. Was folgte, war den Schuhen der Antike kaum ebenbürtig.

Dünne Sohle, Zehengang

Im Mittelalter dominierte das Prinzip des «wendegenähten» Schuhs, erkennbar an der Verbindungsnaht von Sohle und Oberleder im Inneren des Schuhs.

Ausschnitt aus einem Gemälde des 13. Jahrhunderts

Bildlegende: Wendegenähte Schuhe trugen die Nähte innen. Die dünnen Sohlen verschlissen schnell und boten der Ferse kaum Schutz. imago

Die rührte daher, dass der Schuh mit der Innenseite nach Aussen auf einem Leisten zusammengenäht und dann wie eine verkehrte Socke gewendet wurde.

Grosser Nachteil dieser Machart: Es konnten nur dünne Sohlen verwendet werden, da sich die Schuhe sonst nicht mehr wenden liessen. Entsprechend gross war der Verschleiss. Nachbesohlungen nützten zwar etwas, eine wirklich nennenswerte Verlängerung der Lebensdauer brachten aber erst separate hölzerne Unterschuhe («Trippen»).

Ein weiterer Effekt: Die Menschen waren vorsichtiger unterwegs. Durch die dünne Sohle war jedes Steinchen deutlich zu spüren. Statt wie heute über die Ferse abzurollen, ging man im Zehengang, tastete also mit gestrecktem Bein quasi den Untergrund ab, bevor man den Fuss ganz aufsetzte.

Dicke Sohle, Fersengang

Aus Ledertrippen und Pantoffeln mit dicken Sohlen entwickelte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts die «rahmengenähte Machart» mit zwei dicken Sohlenledern, die den Fuss zuverlässig vor Steinchen, Dornen und anderen Widrigkeiten auf dem Boden schützen.

Rahmengenähte Budapester Schuhe in einer Londoner Werkstatt

Bildlegende: Rahmengenähte Schuhe werden immer noch hergestellt, obwohl andere Fertigungsarten deutlich kostengünstiger sind. imago

Der Grundstein für das Schuhwerk unserer Zeit war gelegt. Und für eine neue Art des Gehens: Seither treten wir mit der Ferse auf und rollen über den Vorderfuss ab. Auch die Strassen wurden besser und der Mensch damit immer mobiler.

Mobiler, aber nicht unbedingt gesünder. Wie Skelette aus jener Zeit zeigen, wurde die Belastung für die Gelenke mit den dicken Sohlen und dem neuen Gang nicht kleiner, sondern verlagerte sich einfach: Waren im frühen Mittelalter Hüftarthrosen verbreitet, nutzen sich seither die Knie stärker ab.

Die Schuhrevolution vor 500 Jahren wirkt bis heute nach. Rahmengenähte Schuhe haben sich gehalten und gelten als qualitativ besonders hochstehend. Wie aufwändig die Fertigung eines handgenähten Schuhs ist, zeigt das untenstehende Video.

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