Stahlfabrik Monteforno: «Die Schliessung war schlimm»

Die Leventina hat Angst, wegen des Gotthard-Basistunnels in Vergessenheit zu geraten. Das Tal steckt aber nicht zum ersten Mal in einer Krise: 1995 musste die Stahlfabrik Monteforno ihren Betrieb einstellen. Ein Schock, den das Tessin lange nicht verdaut hat. Überlebt hat nur noch ein Chor.

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Die Monteforno lebt im Chor weiter

2:32 min, vom 14.7.2016

Foto einer langen Industriehalle

Bildlegende: Stillgelegtes Gelände In dieser 800 Meter langen Fabrik wurde bis in die 1990er-Jahre Stahl produziert. SRF

Bei der Schliessung der Monteforno verloren 340 Leute auf einen Schlag ihren Job, die Arbeitslosenquote in der Leventina und den umliegenden Tälern stieg in der Folge auf über neun Prozent. Dabei war die Stahlfabrik ein Industrieunternehmen, das der Leventina einst zu einer Blütezeit verhalf.

Massiver Abbau von Arbeitsplätzen

In der 1946 gegründeten Monteforno waren zu Spitzenzeiten 1750 Leute beschäftigt. Sie stellten aus Schrott Armierungseisen her.

1977 wurde die Fabrik durch die Firma «Von Roll» übernommen, welche unter grossem Protest der Arbeiter und der Gewerkschaften fortlaufend Arbeitsplätze abbaute.

Bild einer Protestaktion, Menschenmenge mit Fahnen und Bannern

Bildlegende: Protest Die Gewerkschaften unterstützten die Arbeiter, um gegen die Schliessung zu protestieren. Geholfen hat es nichts. SRF

Rettungsversuche scheiterten, die «Von Roll» wollte das Werk nicht verkaufen. 1995 stellte sie den Betrieb der Monteforno ganz ein, zehn Jahre später verkaufte sie das Areal. Zwei Drittel des 800 Meter langen Gebäudes sind heute vermietet – ein Drittel steht noch immer leer.

Einziges Überbleibsel: ein Männerchor

«Die Schliessung war sehr schlimm für uns», sagt Giuliano Bera, der in der Monteforno seit 1963 als Vorarbeiter tätig war. Viele Männer über 50 fanden keinen Job mehr.

Es war aber auch eine emotionale Herausforderung: einige Arbeiter verbrachten wie Bera fast ihr ganzes Leben in der Fabrik und identifizierten sich stark mit der Monteforno.

Nahaufnahme von Feuer und Stahl

Bildlegende: Heisser Stahl Die Arbeiter produzierten aus Schrott Armierungseisen. SRF

Das einzige Überbleibsel aus der Zeit der Stahlfabrik ist der Coro Scam – ein Männerchor, der in der Monteforno gegründet wurde. «Der Chor sorgte für Zusammenhalt unter den Arbeitern, die aus Italien, Spanien, Portugal und der Schweiz stammten. Die verschiedenen Kulturen führten manchmal zu Spannungen», sagt Bera.

Der Chor sei aber auch ein willkommenes Abendprogramm gewesen. «Anstatt in die Kneipe zu gehen, haben wir zusammen gesungen. Das war wunderschön.»

«  Der Chor sorgte für Zusammenhalt unter den Arbeitern. »

Giuliano Bera
Ehemaliger Arbeiter der Monteforno

«Die Seele der Monteforno lebt weiter»

Den Coro Scam gibt es noch heute. Rund 40 Männer treffen sich wöchentlich in einem alten Schulhaus in Giornico, um gemeinsam zu singen und für Auftritte im In- und Ausland zu üben.

Ein Dirigent an einem Keyboard vor einer Gruppe singender Männer

Bildlegende: Coro Scam Noch heute treffen sich jede Woche rund 40 Männer in Giornico zum Singen. SRF

Mittlerweile sind noch drei Leute dabei, die früher einmal in der Monteforno gearbeitet haben.

Für Giuliano Bera ist der Chor ein unverzichtbarer Bestandteil seines Lebens. «Mit dem Coro Scam lebt nicht nur der Name des Chors, sondern auch die Seele der Monteforno weiter.» Das Kapitel des Stahlwerks ist noch nicht geschlossen.

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