Tag 3: Die Kunst des Nichtstuns

Es ist Sonntag. Das bedeutet für die Asylsuchenden vor allem: Langeweile. Deutschkurse oder Arbeitseinsätze gibt es heute nicht. Umso erstaunlicher für mich, geniessen viele das schöne Wetter nicht.

Über die zweite Nacht muss ich nicht viele Worte verlieren, sie glich der ersten. Immerhin konnte ich heute etwas länger schlafen, da ich keinen Putzeinsatz hatte am Morgen. Dennoch fühle ich mich nicht ausgeschlafen. Dafür war es gestern Abend lustig. Immer so um 23 Uhr sitzt eine kleine Gruppe auf dem Sofa und trinkt Tee. Vorüberzugehen, ohne mitzutrinken, ist unmöglich, sofort wird man eingeladen. Dabei zeigen sie mir Musikvideos aus ihrer Heimat und wir schauen lustige Fail-Videos (Videos, wo über das Misslingen von Leuten in verschiedensten Situationen gelacht wird).

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Lustiger Teeabend

0:19 min, vom 21.5.2017

Handy statt Sonne

Heute Morgen höre ich bis gegen Mittag noch Schlafgeräusche aus diversen Betten (die Schlafenden sieht man nicht, da sie sich mit Tüchern eine Wand um ihre Betten gebaut haben). Ich habe den Drang rauszugehen, denn ich weiss dank meiner Meteo-App, dass die Sonne scheinen muss. Draussen, bei schönstem Frühsommerwetter, treffe ich aber nur auf Shamsullah. Er geht an ein Spiel des FC Düdingen. Leider dürfe er noch nicht mitspielen, da er auf seine Spieler-Lizenz warten muss, erzählt er mir enttäuscht. Bei den Trainings und Heimspielen ist er aber immer mit dabei. Für die Lizenz muss er seinen afghanischen Ausweis vorweisen, der nicht gerade klein ist.

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Afghanischer Ausweis

0:17 min, vom 21.5.2017

Im Bunker sind die Bewohner vor allem mit ihren Handys beschäftigt. Mit kleinen Spielen und Videos vertreiben sie sich die Zeit. Einige telefonieren mit Kollegen, welche in anderen Zentren untergebracht sind. Ein Asylsuchender aus Afghanistan schneidet einem Kollegen mit einem Rasierapparat die Haare. Ein Anderer macht Krafttraining. Als ich ihnen vom schönen Wetter erzähle, zucken sie nur mit den Schultern. Für mich ist das unverständlich, aber ich wohne ja auch nicht seit vielen Monaten unter Tag wie viele hier.

Der kleine Ausflug

Am Nachmittag dann endlich geht’s doch noch raus. Khalil und Karim machen einen Spaziergang zum Bahnhof Düdingen, kurzerhand schliesse ich mich ihnen an. Dort angekommen laden mich die beiden trotz Protest von meiner Seite auf einen Energy-Drink aus dem Kiosk ein – ich revanchiere mich später mit einer Runde Eis.
Sie kämen häufig hierher, berichten mir die beiden. Denn hier gebe es gutes WLAN. Sie setzen sich auf eine Bank im kleinen Park gleich beim Bahnhof und hören mit Bluetooth-Boxen afghanische Musik. Als Pendler sehe ich häufig Asylbewerber an den Bahnhöfen, welche sich die Zeit vertreiben. Nun bin ich zum ersten Mal auf der anderen Seite. Eine Zugfahrt wollen sich die beiden nicht leisten, deshalb ist der Bahnhof Düdingen für sie im Moment der interessanteste Ort, um sich die Zeit zu vertreiben.

König Fussball

Am Sonntagabend dann verfolgen viele Mitbewohner die Spiele europäischer Fussball-Ligen. Sie benutzen dazu Apps, wo die Resultate laufend aktualisiert werden. Sie sehen die Spiele zwar nicht per Video, freuen sich aber lautstark über jede Tormeldung ihrer Lieblingsvereine wie Arsenal oder Barcelona. Am meisten freut sich wohl Karim: Er hat drei Franken auf einige Spiele gesetzt und damit 34.85 Franken gewonnen.

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Erfolgreicher Fussballtipp

0:39 min, vom 21.5.2017

Morgen muss ich früh aufstehen, denn ich bin für einen Ganztages-Arbeitseinsatz in Grandvillard eingeteilt. Das sei jeweils sehr intensiv, berichten meine Mitbewohner. Ich bin gespannt.

Leben in der Asylunterkunft

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