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An einem unbenutzten Autobahnabschnitt lebt eine fünfköpfige Familie in einem skurrilen, abgeschiedenen Idyll. Die lärmige Inbetriebnahme der Strasse treibt die Familie aber bald in den Wahnsinn, trotz der aufwendigen Schallmauern, die der Vater nach und nach vor den Fenstern installiert.

Am Rand eines unbenutzten Autobahnabschnitts hat sich eine fünfköpfige Familie in einem ganz besonderen Idyll eingerichtet. Während sich die älteste Tochter Judith (Adélaïde Leroux) gerne mit lauter Musik auf dem Asphalt sonnt, rast der kleine Julien (Kacey Mottet Klein) am liebsten mit dem Rad auf der leeren Strasse umher. Eines Tages kommt er mit Neuigkeiten von einem seiner Streifzüge nach Hause: Er hat Bauarbeiter gesehen. Und tatsächlich: In den nächsten Tagen soll der Streckenabschnitt eröffnet werden.

Marthe (Isabelle Huppert) und ihr Mann Michel (Olivier Gourmet) machen sich nicht allzu viele Sorgen. Die Familie wettet gar, welche Farbe das erste Auto haben wird, das vor ihrem Küchenfenster vorbeidonnert. Alle Einkaufsmöglichkeiten und auch die Schule liegen allerdings auf der anderen Seite der vierspurigen Fahrbahn, und auch die neue Kühltruhe muss irgendwie über den Fahrstreifen transportiert werden. Der Verkehr nimmt schnell zu, und der Lärm wird ohrenbetäubend. Da nützen auch die Schallmauern nichts, die Michel nach und nach baut. Sie treiben die Familie aber immer weiter in die Isolation.

Das poetische Familiendrama «Home» von Ursula Meier kann zwar durchaus als Parabel auf den Sonderfall Schweiz verstanden werden oder als ökologische Anklage, bietet aber auch noch viele weitere Lesarten. Meier selbst beschreibt ihren Film als «Roadmovie unter umgekehrten Vorzeichen»: Die Protagonisten bleiben statisch in ihrem prekären Idyll, das von ohrenbetäubendem Verkehrslärm bedroht wird. Es ist eine Reise ins Innere. Dabei gelingt es Meier, eine Familie zu porträtieren, die anfangs sehr glücklich ist, ohne spiessig zu sein. Mit ernsthafter Zärtlichkeit toleriert jeder die Marotten des anderen.

Neben dem französischen Star Isabelle Huppert gibt der belgische Schauspieler Olivier Gourmet, der oft mit den Brüdern Dardenne gearbeitet hat, in diesem Kammerspiel den Familienvater. Bemerkenswert sind auch die Kinderdarsteller, allen voran der jüngste, der 1998 geborene Genfer Kacey Mottet Klein. Der Film lebt aber vor allem vom Setting, von der klaren Linie der Autobahn mitten in den gelben Kornfeldern und der fantastischen Fotografie der französischen Kamerafrau Agnès Godard.

Spielfilm-Erstling

Regisseurin Ursula Meier, die in Frankreich geboren, in der Schweiz aufgewachsen ist und in Belgien studiert hat, hat schon mit ihrem Spielfilmerstling, dem Coming-of-Age-Drama «Des épaules solides - Die Sprinterin», ihr Talent bewiesen. Ihr Kinodébut «Home» überraschte nicht nur an den Schweizer Kinokassen, sondern wurde auch für drei Césars nominiert und gewann im Jahr 2009 den Schweizer Filmpreis. Ebenfalls mit einem Schweizer Quartz ausgezeichnet wurden das Drehbuch und Kacey Mottet Klein als Bester Nachwuchsdarsteller. 2012 konnte die Schweizer Regisseurin einen weiteren internationalen Erfolg verbuchen: Sie gewann mit «Sister» (Originaltitel «L'enfant d'en haut») bei den Berliner Filmfestspielen den Silbernen Bären und daraufhin auch den Schweizer Filmpreis.