Marie-Louise

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Im Krieg darf das Franzosenmädchen Marie-Louise für drei Monate in die Schweiz. Am Ende der Frist will es die neue Familie nicht mehr verlieren. Mit Anne-Marie Blanc und Heinrich Gretler.

Zusammen mit 300 Kindern aus Frankreich darf Marie-Louise (Josiane Hegg) im Kriegsjahr 1943 für drei Monate in die Schweiz reisen. Pflegeeltern nehmen die schwachen, unterernährten Buben und Mädchen in Empfang. Nur Marie-Louise wird nicht abgeholt. Kurzentschlossen nimmt die Rotkreuzhelferin Hedi Rüegg (Anne-Marie Blanc) das verängstigte Kind nach Hause, wohl wissend, dass der Vater (Heinrich Gretler) das nicht gern sehen wird. Doch Marie-Louise gewinnt schnell die Sympathie des bärbeissigen Fabrikdirektors.

Vorbeifliegende Schweizer Abwehrjäger erschrecken in der Folge das Mädchen so sehr, dass es im Spital behandelt werden muss. Das rüttelt die Gemeinschaft des Städtchens auf. Die Fabrikarbeiter machen Überstunden, um einer weiteren Gruppe von französischen Kindern Ferien in einem Bergheim zu ermöglichen. Und Direktor Rüegg, inzwischen ganz vernarrt in «seine» Marie-Louise, will auf keinen Fall, dass sie nach Hause zurückkehren muss. Doch vorerst sieht alles danach aus, als sei das Gesetz stärker als die Regung eines guten Herzens.

Der gefeierte Theaterregisseur Leopold Lindtberg (damals Mitglied des Zürcher Schauspielhauses) drehte «Marie-Louise» im Spätsommer 1943. Die tragenden Rollen besetzte er mit populären Schweizer Darstellern wie Anne-Marie Blanc, Heinrich Gretler oder Margrit Winter. Marie-Louise dagegen, das Ferienkind aus Frankreich, wurde von Josiane Hegg verkörpert, einem Mädchen, das in jenen Tagen tatsächlich mit einem Kinderkonvoi des Roten Kreuzes in unser Land kam. Rund um die Schweiz war Krieg. Auch im Kino waren darum Werke gefragt, die den nationalen Wehrwillen stärkten und den Zusammenhalt zwischen den Sprachregionen förderten. Kritik, etwa an der behördlichen Flüchtlingspraxis, war nur bedingt praktizierbar.

Als der Film in den Schweizer Kinos gestartet wurde, hielt sich der Zuspruch zunächst in Grenzen. Zeitweise sah es danach aus, als müsste die Produktionsfirma Praesens Konkurs anmelden. Die Wende schaffte schliesslich Praesens-Aktionär und Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, der in seiner Zeitung «Wir Brückenbauer» einen cleveren Werbefeldzug für sein Herzensprojekt «Marie-Louise» startete und damit die für die Rettung erforderlichen Zuschauermassen in die Kinos brachte.

Es kam noch besser: In einer Zeit, in der Schweizer Kinoproduktionen ausserhalb der eigenen Grenzen kaum bekannt waren, fand «Marie-Louise» ein weltweites Echo. So wurde der Film im September 1945 in London, im November in New York gestartet. Und im folgenden März bekam Richard Schweizer für sein Original-Drehbuch sogar den Oscar zuerkannt.

Als sich Schweizer Radio und Fernsehen SRF vor Jahresfrist mit der Cinematheque suisse darauf verständigte, das in die Jahre gekommene und seitdem ziemlich lädierte Werk aufwändig zu restaurieren, konnte niemand ahnen, dass das Thema Flüchtlingshilfe im Verlaufe des Sommers 2015 eine solch brennende Aktualität entwickeln würde.

So erstrahlt nun jener Film, der von den Machern als Herzensappell gedacht war, in neuem Glanz, und kündet von einer Schweiz, die, trotz mannigfacher Behinderung, ihre humanitäre Tradition über kleingeistige Rechnerei stellte und das Leid von einigen Tausend Flüchtlingskindern wenigstens temporär zu lindern versuchte.