Gegenwärtige Geschichte – Brigitte Studer, Historikerin

«Manchmal ist auch nur die Schrift faszinierend. Dahinter steckt eine vergangene Lebenserfahrung, oft ein Konflikt.» Als erste Schweizer Forscherin hatte die Historikerin Brigitte Studer Ende der 1980er-Jahre Zutritt ins Archiv der kommunistischen Internationalen Komintern in Moskau erhalten.

Im Gedächtnis haften geblieben ist ihr die strenge Überwachung der Forschenden durch die Archivmitarbeitenden: «Jeden Abend wurde kontrolliert, ob man nur die zuvor angebenen Stellen aus den Dokumenten kopiert hatte. An meinen Computer, eines der ersten tragbaren Modelle überhaupt, wagte sich allerdings niemand.» Ihre Aufarbeitung der Geschichte der schweizerischen Kommunistischen Partei und des russischen Stalinismus haben Brigitte Studer als Kommunismus-Expertin europaweit bekannt gemacht.

Heute hat Brigitte Studer den Lehrstuhl für Schweizer Geschichte in Verbindung mit Neuester Allgemeiner Geschichte an der Universität Bern inne und beschäftigt sich mit Geschlechtergeschichte, Staatsbürgerschaft und der Bildung nationaler Identitäten.

Mittlerweile hat sich ihr Fokus auf weniger radikal-militante, politisch aber nicht minder brisante Themen verlegt: die 68er-Bewegung in der Schweiz etwa oder die Geschichte des Schweizer Bürgerrechts von 1848 bis zur Gegenwart. «Die thematischen Schwerpunkte verlagern sich im Lauf eines Forscherlebens parallel zur Entwicklung der eigenen Interessen», sagt Brigitte Studer. «Ich habe mich aber immer mit dem Sozialstaat befasst – weil es mir um eine Erneuerung der Politgeschichte geht. Das Politische ist nur interessant aus der Perspektive des Sozialen und des Kulturellen.»