Sieben Tassen Tee mit Fethiye Çetin

Die Heldin von Türkei-Korrespondentin Ruth Bossart heisst Fethiye Çetin. Sie ist eine türkisch-armenische Rechtsanwältin, die unerwartet zur Bestsellerautorin avancierte, nachdem sie die Lebensgeschichte ihrer krypto-armenischen Grossmutter aufgeschrieben hatte und damit ein 100jähriges Tabu brach.

Frau

Bildlegende: Fethiye Çetin beendete das Schweigen über die Armenier in der Türkei. SRF

Fast hätte es gar nicht geklappt. Und das, obwohl ich mich mit meiner Heldin schon drei Wochen zuvor verabredet hatte. Denn am Tage, an dem das Gespräch und die Filmaufnahmen mit der Anwältin Fethiye Çetin hätten stattffinden sollten, konnte ich sie nicht finden. An jenem Tag fiel in der ganzen Türkei der Strom aus – für Stunden. Und – mit dem Stromausfall funktionierte auch das ganze Handynetz nicht mehr. Dies wurde uns fast zum Verhängnis, da wir kurzfristig absprechen wollten, wann wir uns treffen.

Nicht erst seit Fethyie Çetin die Lebensgeschichte ihrer Grossmutter aufgeschrieben hat, ist sie eine beschäftigte und bekannte Person. Als Anwältin hat sie in der Türkei namhafte Dissidenten vor Gericht verteidigt und damit auch persönliche Risiken auf sich genommen. Doch seit sie das Buch «Meine Grossmutter» veröffentlich hat, kennt man ihren Namen über die Stadtgrenzen von Istanbul hinaus. Rund um den 100. Jährigen Gedenktag an den armenischen Genozid ist sie eine gefragte Interviewperson.

Buch von Fethiye Çetin

Bildlegende: Ein Buch mit Folgen: Fethiye Çetin, Meine Grossmutter SRF

Kurz vor dem Tod hat sich die über 80 Jährige Grossmutter ihrer Enkelin Fethiye anvertraut und ein Geheimnis gelüftet, dass sie ein Leben lang mit sich trug: Sie, die Grossmutter, war als Armenierin geboren worden. Als 9-jähriges Mädchen wurde sie 1915 zusammen mit ihrer Familie auf den Todesmarsch Richtung Syrische Wüste geschickt. Ein türkischer, kinderloser Offizier entführte sie, nahm sie zu sich und rettete ihr damit das Leben. Die Grossmutter wuchs als Muslima auf, heiratet nach islamischem Ritus und niemand in ihrem Umfeld wusste, dass sie als Armenierin und Christin geboren war. Bis kurz vor ihrem Tod, als sie sich ihrer Enkelin anvertraute und damit ein Tabuthema aufgriff, über das in der Türkei kaum geredet wurde. Jahrzehnte lang war nicht nur der Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren sondern auch das Schicksal der zwangsweise islamisierten Christen ein Tabuthema, über das zu forschen und publizieren jemanden ins Gefängnis bringen konnte. Das Buch «Meine Grossmutter» brach das Schweigen.

Fethiyes Leben wurde mit dem Bekenntnis der Grossmutter völlig auf den Kopf gestellt. In dem sie die Geschichte aufschrieb, gelang es ihr, mit der neuen Identität ins Reine zu kommen. Und: Ganz unerwartet wurde ihr Buch ein Bestseller. Sie erhielt hunderte Briefe von Personen, die Ähnliches erlebt hatten. Einige schöpften Mut und machten ihre Lebensgeschichten ebenfalls öffentlich. Eine eigentliche Lawine von Bekenntnissen wurde losgetreten.

An dem Tag, an dem wir Fethiye treffen sollten und an dem im ganzen Land der Strom ausfiel, ergatterte mein Kameramann eines der wenigen Taxis am Taksim Platz in der Innenstadt Istanbuls. Ohne Strom funktionierten weder Metro noch Trambahnen und Taxis waren ein rares Gut. Wir fuhren ins nahe Sisle mit seinen wunderbaren wenn auch etwas heruntergekommenen Jugendstilbauten und hofften auf das Unmögliche – auf dass Fethyie Çetin , einer Gedankenübertragung gleich, sich vor dem Redaktionsgebäude der armenischen Zeitung Agos einfinden würde. Denn dort wollten wir das Interview machen. Doch eine Zeit hatten wir nicht vereinbart.

Zwei Frauen diskutieren

Bildlegende: Gutes Einverständnis: Ruth Bossart und Fethiye Çetin in einem Strassencafé in Istanbul SRF

Und sie stand tatsächlich da, vor der schweren Holztür der Zeitung Agos. Klein, mit ihren 1.50, in schwarzer Daunenjacke und Karrohose. Ihr grauschwarzes Haare sorgfältig frisiert. Sie sei gerade gekommen, erklärte sie. Nein, gewartet hätte sie nicht und sie mache sich etwas Sorgen, da es in den Räumlichkeiten von Agos sehr dunkel sei – ohne Strom auch kein Licht. Fethiye Çetin spricht mit sanfter Stimme, sie lacht gerne und oft. «Wir könnten doch einfach mal im Salon gegenüber einen Tee trinken gehen», schlägt sie vor, während mein Kameramann die Zeitungsräume auf ihre Lichtverhältnisse inspizieren soll. Vom ersten Moment an fühle ich mich wohl mit Fethiye.

Bevor wir Fethyie Çetin trafen, haben wir auf der Prachtsstrasse Istanbuls, der Istiklal Caddesi, eine Umfrage gemacht, was türkische Bürgerinnen und Bürger vom armenischen Genozid halten. Wir fragten rund 20 Personen. Nur ein einziger Mann meinte, dass sich die Türkei für das begangene Unrecht bei den Armeniern entschuldigen sollte. Alle anderen bestritten einen Völkermord an den Armeniern und anderen Minderheiten. Von Verschwörung war die Rede, von gefälschten Geschichtsakten und davon, dass Türken zu solchen Taten gar nicht in der Lage seien. Punkt. Auch 100 Jahre danach ist das Thema immer noch sehr kontrovers und emotional und findet in den Geschichtsbüchern der öffentlichen Schulen nicht statt. In internationalen wissenschaftlichen Kreisen gilt es als allerdings unbestritten, dass die rund 1.5 Millionen Armenier und andere Minderheiten, die während dem 1. Weltkrieg umkamen, als erster Genozid des 20. Jahrhunderts zu werten sei.

«  Als sie Grossmutters Lebensgeschichte schrieb, hat Fethiye geweint, so viel wie nie zuvor in ihrem Leben. »

Ruth Bossart
SRF-Korrespondentin Istanbul

Teeglas

Bildlegende: Einer von vielen: Cay, türkischer Tee SRF

Am Abend wird Fethiye am Abend in die USA fliegen, um an einer Vortragsreihe über Holocaust und Genozid teilzunehmen. Fethiye will auch ihre entfernten armenischen Verwandten besuchen, die sich vor den Massakern anfangs des letzten Jahrhunderts nach Amerika absetzen konnten. Inzwischen trinken wir schon den fünften türkischen Tee. Schliesslich kommt auch der Kameramann ins Café zurück, sein Daumen zeigt nach unten. Wir müssen das Interview im Café an den Aussentischen machen – nur so haben wir genügend Licht. Wir installieren uns an einem Tisch auf dem Trottoir und es wird schon wieder Tee serviert – die sechste Runde. Meine Übersetzerin hilft mir beim Interview: Als sie Grossmutters Lebensgeschichte aufschrieb, sagt Fethiye, habe sie geweint, so viel, wie nie zuvor in ihrem Leben. Und den Erfolg ihres Buches erklärt sie ganz einfach: Wenn Armenier und Türken normalerweise über die Ereignisse von 1915 diskutierten, verhärteten sich die Fronten augenblicklich und eine gegenseitige Schuldzuweisung beginne. Damit komme man nicht weiter. Aber eine so persönliche Geschichte, wie die der Grossmutter, berühre, bringe die Leute näher. Und plötzlich würden Erinnerungen, auch ganz persönliche, ausgetauscht. Erinnerungen würden wieder wach, die viele schon längst vergessen hätten.

Nach dem Interview bleiben wir noch sitzen. Der Strom ist zurückgekehrt, eine Freundin von Fethiye stösst zu uns – und wir bestellen nochmals Tee – der siebte heute.

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Vor 100 Jahren: Genozid an den Armeniern

5:03 min, aus 10vor10 vom 23.4.2015