Von EU-Bürokraten, geraden Gurken und Coiffeusen ohne High Heels

Ob regelungswütige Beamtenheere, Windeln für Kühe oder Maximalkrümmung für Gurken: Rund um die EU gibt es mittlerweile tausende Gerüchte und Missverständnisse. #SRFglobal klärt einige auf.

Mann an Computer

Bildlegende: Der meistverbreitete Mythos: Die EU beschäftigt ein riesiges Heer übereifriger Bürokraten giphy / reddit.com

1) «Die EU ist ein bürokratisches Monster»

Knapp 60'000 Menschen arbeiten für die Europäische Union mit ihren 510 Millionen Einwohnern. In dieser Zahl sind nicht nur die Bediensteten der Kommission enthalten, sondern auch sämtliche Angestellten der Behörden und Unterbehörden sowie die zahlreichen Übersetzer und Dolmetscher.

Auch wenn man die Aufgaben der EU nicht direkt mit denen einer Grossstadt vergleichen kann, hilft eine Zahl zur Orientierung: Die Stadt München beschäftigt bei 1,4 Millionen Einwohnern etwa 32'000 Menschen, also halb so viele wie die EU. In anderen deutschen Grossstädten sind die Zahlen ähnlich: Hamburg etwa, das anders als München auch ein Bundesland ist, beschäftigt 75'000 Mitarbeiter. Ähnlich in Berlin, wo es nach Angaben der Senatsverwaltung 104'000 Vollzeitstellen sind; die tatsächliche Zahl der Mitarbeiter liegt noch höher, weil viele Angestellte in der öffentlichen Verwaltung Teilzeit arbeiten. (Süddeutsche Zeitung) – Zum Vergleich: die Schweizer Bundesverwaltung beschäftigt 37'286 Personen.

2) «Die Jugendarbeitlosigkeit in Südeuropa ist dramatisch»

«'Fast jeder vierte Jugendliche in der EU ohne Arbeit': Solche Schlagzeilen sind ebenso dramatisch wie falsch. Sie gehen auf ein Missverständnis
zurück». (NZZ) – Das EU-Statistikamt EUROSTAT publiziert jeweils zwei Datensätze: einerseits die Zahlen arbeitssuchender Jugendlicher (15-24) und andererseits die Zahlen von Jugendlichen, welche sich nicht im Erwerbsleben befinden: der grösste Teil von ihnen befindet sich in Ausbildung. EUROSTAT: «Der Jugendarbeitslosenanteil ist der Anteil der arbeitslosen Jugendlichen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung dieser Altersgruppe (nicht nur die aktive, sondern auch die inaktive wie Studenten).»

Jugendarbeitslosigkeit in Europa, 15-24jährige (2015)

Quelle: EUROSTAT

Arbeitslose Jugendliche, in %
Jugendliche, die sich nicht im Erwerbsleben befinden, in %
Spanien
16.8
48.3
Italien
10.6
40.3
Griechenland
12.9
49.8
Frankreich9.1
24.7
Deutschland3.5
7.2
Ungarn5.4
17.3
EU 28
8.4
20.3
Schweiz5.7
8.6

In den Medien wird sehr oft nur die zweite viel höhere Zahl thematisiert, wodurch ein alarmistisches Bild gezeichnet wird. - Trotzdem: eine Zahl von annährend 10% oder mehr «wirklich arbeitsloser» Jugendlicher ist natürlich eine immense Aufgabe für Länder wie Griechenland, Spanien, Italien oder Frankreich.

3) «Die EU limitiert den Krümmungsgrad von Gurken»

Frau prüft Gurke am Marktstand

Bildlegende: Es darf auch krummer sein. Nicht die EU, sondern die Gemüsehändler träum(t)en von geraden Gurken. Giphy Originals

Ein Klassiker bei den EU-Mythen: Die Beamten Brüssel haben in ihrer Regelungswut einen maximalen Krümmungsgrad von Salatgurken beschlossen. Bis heute wird dieses Beispiel immer wieder aus der Mottenkiste gekramt. Allerdings gibt es hier zwei Probleme. Erstens kam der Vorschlag für die Regulierung vom Handel selbst. Durch eine Standardisierung passen mehr Gurken in eine Kiste, was den Transport erleichtert und die Anzahl der Gurken pro Kiste berechenbarer macht. Und zweitens wurde die betreffende Regelung 2009 wieder abgeschafft – gegen den Willen von Landwirtschaftsverbänden. (Berliner Zeitung)

4) «Kühe müssen bald Windeln tragen»

Kühe springen über Wiese

Bildlegende: Kühe sind auf europäischen Alpwiesen weiterhin ohne Windeln unterwegs. thedodo.com

Diese Behauptung geisterte im Oktober 2014 durch die deutschen Medien. Grund war ein Protest des Bayerischen Bauernverbandes unter dem Motto «Windeln für Almkühe». Auslöser war wieder einmal eine neue EU-Verordnung, die anscheinend absichtlich falsch verstanden wurde. Die Beamten in Brüssel wollten lediglich regeln, wie viel Düngermittel auf Hanglagen ausgebracht werden dürfen. Hintergrund waren die zu hohen Nitratwerte im Grundwasser. Davon, dass Kühe ihr Geschäft nicht mehr auf der Alm machen dürfen, war aber niemals die Rede. (Berliner Zeitung)

5) «Brüssel kostet die Bürger zu viel Geld»

Das Budget der Europäischen Union ist verglichen mit den Haushalten der 28 Mitgliedstaaten eher bescheiden und steigt nicht so stark an. 2013 betrug es knapp 151 Milliarden Euro und macht damit nur etwa ein Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aller Mitgliedsstaaten aus.

Katze mit Notenbündel im Mund

Bildlegende: Die EU-Katze ist weniger gefrässig, als manch einer befürchtet. giphy

Den Hauptanteil (etwa 76 Prozent) der EU-Einnahmen bilden Beiträge der Mitgliedstaaten. Deren Höhe orientiert sich an der jeweiligen Wirtschaftsleistung. Die eingezahlten Beiträge bekommen die Mitglieder über Förderprogramme zurück. Insgesamt fliessen etwa 94 Prozent der EU-Mittel wieder in die Mitgliedstaaten. Mit dem Geld werden zum Beispiel Ausbildungsprogramme für Jugendliche finanziert, Verkehrswege ausgebaut, Umweltprojekte und strukturschwache Regionen unterstützt - Massnahmen, die den Bürgern unmittelbar zugutekommen sollen und letztlich auch Aufgaben, die die Mitgliedstaaten nach Brüssel übertragen haben. Im Falle von Deutschland betrugen die Abgaben an die EU im Verhältnis zu jenen im eigenen Land rund 8 Prozent. (Süddeutsche Zeitung)

6) «Das meiste Geld fliesst in den Süden»

Falsch, finanziell gesehen sind drei osteuropäische Länder die grössten Profiteure der 28 EU-Staaten, wie die Grafik zeigt. Auf der anderen Seite stehen Deutschland, Grossbritannien und Frankreich, welche die grössten Nettozahler unter den 28 Ländern sind.

Nettoempfänger und Nettozahler in der EU / Mrd. Euro pro Land (2015)

Lesebeispiel: Polen erhielt 9.48 Milliarden Euro mehr aus der EU-Kasse, als es dafür einbezahlt hatte. Deutschland wiederum zahlte 14.31 Milliarden Euro mehr, als es zurück erhielt.

Etwas anders sieht es aus, wenn man die Zahlungen aufgrund der Einwohnerzahlen berechnet. Jetzt sind Schweden, Niederländer und Briten die besten Zahler; Slowaken, Tschechen und Griechen auf der anderen Seite die bereitwilligsten Empfänger von EU-Geldern. (statista.de)

Nettoempfänger und Nettozahler / Euro pro Kopf (2015)

Lesebeispiel: ein Slowake erhielt 572 Euro aus dem EU-Haushalt. Ein Schwede zahlte dafür 226 Euro ein.

Die Schweiz finanziert seit 2007 mit insgesamt 1.257 Milliarden Franken Projekte und Programme zugunsten der zwölf seit 2004 der EU beigetretenen (osteuropäischen) Staaten und Zypern. Rechtliche Grundlage des Erweiterungsbeitrags ist das Bundesgesetz über die Zusammenarbeit mit den Staaten Osteuropas, das von den Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern am 26. November 2006 angenommen worden ist. (EDA)

7) «Coiffeusen dürfen keine Stöckelschuhe mehr tragen»

Zum Schluss nochmals ein (absurder) Klassiker unter den Mythen. Nicht die EU, sondern zwei europäische Verbände wollten dieses Verbot durchsetzen. Das war selbst der EU-Kommission zu viel, die eine Regelung ablehnte. (planet-wissen.de)

High Heels

Bildlegende: Nein, die EU zieht den Coiffeusen nicht die High Heels aus giphy / Marina Sweet