I'm a creative animal – Barbara Hannigan

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Stimmgewaltig: Das Publikum feiert Barbara Hannigan mit stehenden Ovationen. Die Kritik versucht, ihre hinreissende Wirkung zu beschreiben. Aber es hilft nur eines: Barbara Hannigan muss man erlebt haben, am besten in der ersten Reihe. Die Sopranistin hat die SRF-Kameras nah an sich heran gelassen.

Das Publikum im ehrwürdigen Klangtempel des KKL dürfte sich kurz im falschen Film gefühlt haben. Nachdem die anmutig blonde Barbara Hannigan mit ihrem leuchtenden Sopran Mozart gesungen, Rossini und Fauré dirigiert hat, stakst sie als schwarzhaarige Domina auf die Bühne zurück, im Latexmini, in hohen Stiefeln und Netzstrümpfen und legt eine fast verstörende Performance hin. Ihre Interpretation von György Ligetis «Mysteries of the Macabre» reisst das Publikum von den Sitzen und verleitet Altmeister Sir Simon Rattle zu einer symbolischen Verbeugung vor der Bühne.

Es ist der Höhepunkt eines Konzerts, das Hannigan als Sängerin und gleichzeitig Dirigentin geleitet hat. Die SRF-Kamera ist buchstäblich hautnah dabei, wenn sich die Künstlerin von der glamourösen Operndiva in die verrückte Domina im Latexkostüm verwandelt. Dabei wirkt Barbara Hannigan gleichzeitig hoch konzentriert und von einer fast animalischen Energie getrieben.

«Im kreativen Prozess fühle ich mich selten wie ein Mensch weiblichen Geschlechts, sondern eher wie Tier. Ich bin ein Vogel, ein Pferd oder ein Wolf - ich kann die Tierarten im Minutentakt wechseln. Das fühlt sich für mich ganz natürlich an.» Das kanadische Nova Scotia ist ihre - mittlerweile schmerzlich vermisste - Heimat. Im August 2014 wird Luzern ihr zeitweiliges Zuhause.

Barbara Seiler begleitet die Künstlerin in ihrem Film am Lucerne Festival bei Proben, Workshops, Konzerten und beobachtet sie hinter den Kulissen des Festspielbetriebes, wo sie als «Artiste étoile» weilt. Der Ehrentitel war kaum je passender. Mit ihrem furchtlosen, aufopfernden Einsatz für die Klassische Moderne wurde die Kanadierin zur heiss begehrten Galionsfigur für Komponisten, Festivals und Konzerthäuser.

«Manchmal preist mich die Presse über alle Massen. So als wäre ich ein ausserirdisches Geschöpf, das alles kann. Das freut mich natürlich. Anderseits macht es mich wütend. Was nämlich niemand sieht, ist die Arbeit, die Disziplin, die präzise Vorbereitung, die hinter allem steckt, was ich mache.»

Zeit für Erholung gibt es wenig. Auch für die «Artiste étoile» in Luzern sind freie Tage nicht vorgesehen. Am Morgen nach der Uraufführung von Unsuk Chins «Le silence des sirenes» im KKL joggt Barbara Hannigan schon wieder lockere fünf Kilometer am See entlang. m besten erholt sie sich sowieso auf einer Probe mit ihren Musikerkolleginnen und -kollegen.