Das Ende der Röhrenhose

Es gab eine Zeit, da waren Hosen noch Beinkleider, also aus grösseren Metragen von Stoff gemacht. Wer nicht kerzengerade oder dünne Beine hatte, war froh, dass dieser nicht knalleng am Leib sass. Das war einmal - heute gibt's nur noch skinny pants, auf Deutsch: enge Hosen.

Ob es Jeans, Chinos oder Stoffhosen sind; alles sitzt eng wie eine Leggings. Doch es zeichnet sich eine Wende ab: Die weite Hose kommt wieder.

Skinny-Pants-Manie
Kein Mensch trägt heute mehr Hosen mit klassischem oder weitem Schnitt. Heute ist alles skinny. Möglich geworden ist es dank dem flächendeckenden Einsatz von synthetischen Kunstfasern, wie man sie früher nur in Sportbekleidung verwendete. Entsprechend sieht man nur noch enge Hosen.

So eine knallenge Hose ist theoretisch eine tolle Sache, wenn jemand eine wunderschön fitte, jugendliche Figur und gerade, schlanke Beine hat. Die Realität ist aber eine andere. Die meisten Menschen sind nicht ganz fit oder schlank, und viele haben krumme Haxen, ob es nun O- oder X-Beine sind. Entsprechend offenbart sich dank dieser Hosen ein Haufen visuelles Elend.

Der deutsche Schriftsteller und Satiriker Max Goldt hat die Skinny-Pants-Manie einmal treffend mit der 'Sexy - lecker - geil - Mentalität' beschrieben: Über Trashmedien und TV wurde uns in den letzten Jahren ein Menschenbild ins Hirn gespült, das scheinbar stets herausfordernd gekleidet und paarungsbereit ist. Das ist für gewisse Altersgruppen ja ganz in Ordnung, aber kann keine ästhetische Maxime für eine Mehrheit sein.

Die skinny pants kommen darum jetzt bald aus der Mode, sie sind am Ende ihres Entwicklungszyklus angekommen. Und bald werden wir dem Wort «Beinweite» wieder gerecht werden. Noch ist es eine junge Avantgarde in Paris, New York, London oder Mailand, welche der allgegenwärtigen 'skinny pants' müde ist und wieder mit neuen Volumen experimentiert. Und man weiss ja: solche Ideen beginnen immer im Kleinen, bevor sie gross herauskommen. 'Slim fit' war auch einmal eine abwegige Idee von ein paar Youngstern, bevor es zum weltweiten Phänomen und zur Uniform des Hipsters wurde.

Die neue Weite
Doch wie trägt man die neue Weite? Gerade die heute 15- bis 20-jährigen haben noch gar nie weite Hosen getragen! Nach klassischer Lehre ist eine gute Hose am Füdli knackig und figurbetont, am Oberschenkel moderat schmal und am Knie und Knöchel lose spielend. So eine Hose 'fällt' wieder, und muss darum genau die richtige Länge haben. Zu kurz wirkt plump, zu lange lässt einen hilflos aussehen.

Ein mögliches Mittel, sich den neuen Volumen anzunähern ist die so genannte Boyfriend-Hose also bewusst zu gross getragen. Sie sieht, wie so vieles, nur gut aus, wenn man fit und einigermassen schlank ist. Sexy ist diese XL-Hose, wenn man oben herum nicht auch weite Sachen trägt, sondern etwas figurbetontes. Sowie hohe Absätze. Auch die Bundfalten kommen wieder: Man sieht bei den trendigen Marken neuerdings wieder Chinos mit Bundfalten - zwar am Bein und Knöchel noch immer schmal, aber oben etwas weiter geschnitten.

Die Königsklasse der weiten Hosen
Die Königsklasse der weiten Hose bleibt die Marlene-Hose, benannt nach der Schauspielerin Marlene Dietrich, welche diese Hosen schon trug, als Frauen in Hosen noch ein Skandal waren. Sie sah toll aus, war gross und schlank und hatte eine gute Kostümdeisgnerin zur Hand. Marlene-Hosen, die ab Oberschenkel gerade geschnitten sind, trägt man am besten zu einer zarten Bluse und edlen Schuhen. Zu Sneakers und Sweatshirt passt sie nicht.

Noch nicht reif ist die Zeit für ein Comeback der Glockenhose. Dieser Schnitt ist zu sehr mit dem Modestil der 70's verbunden und bleibt darum ein Exote für die Kostümparty. Was man dagegen wieder erwägen darf: Der gute alte Hosenrock, also diesen schönen Hybriden zwischen Rock und Hose, wie ihn Klavier- und Religionslehrerinnen früher trugen. Er wäre zum ironischen Style der Hipsters, die ja alles Schräge wieder hervorkramen, die ideale neue Besetzung, um die verblassenden Skinny Pants abzulösen.

Jeroen van Rooijen