Der Hipster – Archetyp unserer Zeit

Jede Zeit hat ihre Stereotypen: Die 60's die Mods und Beatniks, die 70's die Hippies und Rocker, die 80er die Popper und New Waver und die 90er die Grunger und Skater. Der stilbildende Typus Mensch von heute, der einst in die Modegeschichte eingehen wird, ist der Hipster.

Fotograf Terry Richardson ist der Vorzeigehipster schlechthin.
Bildlegende: Fotograf Terry Richardson ist der Vorzeigehipster schlechthin. terrysdiary.com

Hipster sind zwar in aller Regel 18 bis 35 Jahre jung und weisser Hautfarbe, haben verwuschelte Frisuren und eine grosse Brille auf der Nase, sind aber sonst nur schwer über einen bestimmten Job, sozialen Status, gesellschaftliche Schicht oder einen bestimmten Musikgeschmack einzuordnen. Der Hipster ist vor allem daran erkennbar, dass der Hipster auf keinen Fall als Hipster identifiziert werden will. Das heisst: Er will zwar ein Hipster sein, aber nicht so genannt werden. Denn das Wort hat bereits einen schlechten Beigeschmack. Es ist eine Schublade, dabei ist das höchste Gut des Hipsters doch seine Originalität und Einzigartigkeit er will eben genau nicht sein wie all die anderen, sondern mit Ironie und bewusstem Tiefstapeln die gängigen Kategorien unterlaufen.

Der Hipster interessiert sich für Alternativkultur, Indie-Musik, Social Media und neue politische Trends wie Occupy. Aber Mode ist ganz bewusst nicht sein Thema der Look des Hipsters ist sorgfältig kultiviertes textiles Desinteresse, und dadurch auch als Modestil identifizierbar. Hipster shoppen nicht bei Zara oder H&M, sondern suchen das Echte und Originelle ihnen sind kleine Quartierläden lieber und Nischenmarken, die nur ein paar wenige kennen. Noch lieber als neue Kleidung tragen sie Secondhand-Kleidung, aber nicht die vergammelte Sorte, sondern die Sachen, die so ein bisschen daneben und aus der Mode  sind. Old-School ist ein wichtiges Stichwort: Der Hipster sucht nicht die hippe Marke, sondern das Gegenteil davon mit der Folge, dass auch komische Marken plötzlich wieder gefragt sind.

Der Schal als Markenzeichen
Typische Merkmale sind, unabhängig vom Geschlecht: ein eher unterernährter Körperbau, enge Jeans oder Chinos, T-Shirt mit ironischem Spruch oder von einer obskuren alten Rockband, Hornbrille auf der Nase. Marken wie American Apparel, Closed oder Urban Outfitters kultivieren diesen Look. Die Schuhe sind von Converse oder Vans. Typische Accessoires sind die dicke Brille und der Schal um den Hals der Schal ist für den Hipster das, was die Krawatte für den Businessmann ein relativ klares Zugehörigkeitszeichen für ihre Gattung. Hipster-Männer und -Frauen tragen ähnlich unfrisiertes Haar Männer sind dadurch erkennbar, dass sie zudem mindestens einen Zehn-Tage-Bart haben. Die Frisur muss ein bisschen verwuschelt aussehen, wie man gerade aus dem Bett gekrochen ist, man kann die Frisur auch mit speziellen Matt-Produkten so ein bisschen ins Gesicht wischen. Beliebt sind auch ausrasierte Partien, so wie wenn man mit dem Rasierer ausgerutscht wäre.

Weil Hipster es verachten, als solche bezeichnet zu werden, würde natürlich keine prominente Persönlichkeit  hinstehen und behaupten, er wäre der Ober-Hipster, doch es gibt eine Reihe von Personen, die bestens in das Stilschema passen und für Hipster auch Ikonen sind. Man denke an den Fotografen Terry Richardson, oder an Dov Charney, den Gründer von American Apparel die perfekten Hipstermänner, obwohl sie wie auch Schauspieler Johnny Depp schon etwas zu alt für die Zielgruppe sind. Bei den Frauen sind Chloé Sevigny, Natalie Portman, Maggie Gyllenhaal oder Mary-Kate und Ashley Olsen, sowie Mischa Barton die Hipster-Ikonen. Wer weitere Hipster in Reinkultur sehen will, muss den Blog «The Selby» konsultieren.

Die Weltzentren des Hipsterismus
Hipster haben ein kreatives Projekt oder einen Blog, oder oft auch beides. Sie sind DJs, programmieren eine Website oder schreiben an einem Buch herum. Weil ihnen in ihrer Wohnung aber auch mal die Decke auf den Kopf fällt und sie dort tendenziell vereinsamen, hocken Hipster auch gerne tagsüber in Wireless-Cafés vor ihren Laptops und iPads und füttern ihre Blogs. Hipster sind, auch wenn sie sich manchmal ein bisschen so anziehen, meist keine mittellosen Künstler, sondern kultivieren nur diesen Style und sind tatsächlich Kinder aus besseren Familien, die gut erzogen sind, es aber mal eine Weile ein bisschen anders als ihre Eltern machen wollen. Sie kommen eher aus der Ober- und Mittelschicht als der Unterschicht.

Williamsburg und Brooklyn in New York sind die Weltzentren der Hipster. Die europäische Hipster-Hochburg ist derzeit Berlin, dort vor allem die Viertel Mitte, Neukölln und Kreuzberg, in London leben Sie im East End in Hackney oder Shoreditch, in Paris entlang des Canal St. Martin oder in Zürich an der Ankerstrasse. Hipster suchen sich in der Regel nicht ganz feine, gut durchmischte Stadtteile, in der auch viele Ausländer leben, denn dort sind die Mieten tief zumindest so lange, bis zu viele Hipster in das Quartier ziehen und die Sache kippt. Man spricht dann von der Hipster-Gentrifizierung von ganzen Stadtteilen, wie es in Berlin am Prenzlauer Berg passiert ist. Zugezogene Hipster verdrängten auch an der Lower East Side oder in Brooklyn Juden und Puertoricaner und trieben die Mietpreise in die Höhe.

Das Velo gehört dazu
Lofts sind eine beliebte Hipster-Wohnform aber nicht die schicken Neubau-Dinger für Investment-Banker, sondern die etwas abgeratzten Häuser, am liebsten ganze Etagen mit industriellem Flair. Die WG ist ein typisches Wohnmodell, die Möblierung stammt aus dem Brockenhaus oder sieht zumindest so aus, denn oft sind es bei Vintage-Spezialisten zusammengesuchte Klassiker mit Patina. Ein wichtiges Accessoire ist auch ein spezielles Velo ohne Gangschaltung, das dekorativ in der Wohnung herumsteht. Denn das Velo ist das bevorzugte Verkehrsmittel des Hipsters und genauso individuell wie sein Style.

Hipster kann man sehr gut erschrecken, indem man sie Hipster nennt. Denn Hipster wissen ja schon Bescheid darüber, dass der Hipster seit über einem Jahr tot ist «Seine Ära dauerte von 1999 bis 2010», so steht es zumindest im Buch «Hipster eine transatlantische Diskussion», das vor kurzem im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Wenn man einen Hipster identifizieren will, soll man also einen Trick anwenden und ihn nicht so nennen, sondern fragen, ob er oder sie ein Hipster ist. Wenn die Person nicht genau weiss, was jetzt gefragt wurde, ist er oder sie vielleicht einfach nur ein Landei. Wenn er oder sie aber sagt, kein Hipster zu sein, dann hat man wahrscheinlich ein typisches Exemplar dieser Sorte gefunden.