Der Stil der iDekade

Vor 13 Jahren begann das neue Jahrtausend. Doch wir wissen bis heue nicht recht, wie wir diese Zeit von 2000 bis Ende 2009 nennen sollen. Nullerjahre? Das klingt eigenartig, meint der SRF 3-Stilfachmann Jeroen van Rooijen.

Shopping wurde unter anderem durch Fernsehserien wie «Sex & the City» zum Massenzeitvertreib – für arm und reich.
Bildlegende: Shopping wurde unter anderem durch Fernsehserien wie «Sex & the City» zum Massenzeitvertreib – für arm und reich. Keystone

In England heisst die erste Dekade nach 2000 «The Noughties» das klingt ein bisschen naughty und hat sich zwar umgangssprachlich, aber offiziell nie richtig durchgesetzt.  Weniger kreativ sind die Franzosen und Italiener: sie sprechen von den «Anni Zero» oder «Anni Duemila» bzw. von den «Années 2000». In Holland und Belgien spricht man von «de jaren nul» oder etwas modischer «Zeroes», von englisch «Zero». Man könnte das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts auch die Zweitausender nennen, aber das wäre in der Schweiz nicht optimal, man würde dann immer an die mittleren Alpen denken. Witzig ist auch, in Anspielung auf das iBook und den iPod, die iDekade.

Grösster Innovationstreiber der Nullerjahre war das Internet. Das gilt auch für die Mode, die mehr denn je ein weltweites Geschäft wurde und in die digitale Dimensionen vorstiess. Das ist erkennbar an den grossen Mode-Shoppingportalen wie Net-à-porter, zum anderen durch die vielen Style Blogs, die einen ganz neuen Blick auf die Mode brachten. Damit wurde auch Street Style, also die Mode von der Strasse zum grossen Thema. Erstmals in der Geschichte der Mode wurden die wirklich grossen Trends nicht mehr vom Laufsteg auf die Strasse gebracht, sondern von der Strasse auf den Catwalk gehoben.

Shopping wurde, u.a. durch Fernsehserien wie Sex & the City, zum Massenzeitvertreib für arm und reich. Die Mode hat sich also in zwei Richtungen entwickelt: Entweder sauteuer oder stinkbillig. Die hippsten Luxuslabels der Dekade waren Prada, Balmain, Balenciaga, Isabel Marant und Céline, die Stars der Nullerjahre waren auch die Luxuskonzerne wie PPR, LVMH oder Richemont. Auf der anderen Seite haben die Billigketten massiv Marktanteile geholt und auch an modischer Relevanz zugelegt. H&M und Zara sind Treiber der Demokratisierung der Mode, und damit auch der Banalisierung des Fachs.

Die Nullerjahre waren also übersetzt in ein Psychogramm schizophren, gespalten, eine doppelte Persönlichkeit. Zuerst High-Drama und Powerglamour, dann das Aufkommen des Anti-Chics mit Emos, Nerds und Hipsters. Es gab erste Swarovski-Bling-Bling und dann Shabby-Chic. Auf der einen Seite gab es absurde Luxuslabels wie Tom Ford oder Vertu, auf der anderen Seite extrem billige Ketten wie Uniqlo oder Primark. Es gab immer extremere Schuhe mit immer höheren Absätzen, doch darauf gehen kann kaum jemand.

Die Stilvorbilder, an die man sich erinnern wird, waren Neo-Gentlemen wie Robbie Williams oder George Clooney und Supercelebrities wie Justin Timberlake oder David Beckham. Die Beckhams waren wohl überhaupt das Paar des Jahrzehnts, denn Victoria Beckham durchlief einen bemerkenswerten Wandel von der etwas peinlichen Fussballerbraut zur durchaus ernst zu nehmenden Designerin. Andere weibliche Idole der Nullerjahre waren Sienna Miller, Kate Moss, Jade Jagger, Lady Gaga oder Beth Ditto.

Modische Erbstücke der Nullerjahre, die gerne in Erinnerung bleiben: Skinny Jeans. Emo-Style. Botox-Injektionen. Celebrity-Dressing. It-Bags. XL-Sonnenbrillen. Die weissen iPod-Kopfhörer. Hoodies, also Kapuzen für Jugendliche bis 25 Jahre. Skinny Looks und Slim Fit bleiben wichtig. Noch nicht ganz vorbei sind auch dicke Brillen die gehören, wie enge Hosenbeine, Stoffbeutel und Parkas, zum Look der Hipster, der einzig wirklich neuen Stilgattung dieser Zeit. Weiter wichtig bleibt auch das Velo, das in den Nullerjahren eine ganz neue Bedeutung als Style Statement bekam.

Modische Torheiten der Nullerjahre, die man am liebsten vergessen möchte: Die vier grässlichsten Erfindungen der Zeit sind Ugg Boots, Crocs, Wet-Look-Leggings und pinkfarbene Plüsch-Trainingsanzüge, wie sie Britney Spears etwa zehn gefühlte Jahre lang trug, von 2000 bis 2009.

Autor/in: Jeroen van Rooijen