Faserpelz- und Nylonjacken – hip oder hopp?

Es ist kalt, grau und unfreundlich Zeit für Mantel, Mütze, Schal und Handschuhe. Allerdings: Heute trägt kaum mehr jemand Mütze, und noch weniger tragen einen Mantel, wie man ihn früher anhatte: Lang, fest und schwer. Warum?

Functional Outerwear: Für Extremsportler geschaffen, vom Bürohengst getragen.
Bildlegende: Functional Outerwear: Für Extremsportler geschaffen, vom Bürohengst getragen. key

Der wollene Mantel ist schwer im Hintertreffen. Der winterliche Klassiker, früher aus schwerem, dunklem Wolltuch gefertigt und von klassischer Eleganz, damit man ihn ein paar Jahre lang tragen konnte, hat Konkurrenz von leichter, synthetischer und multifunktionaler Outdoor-Bekleidung bekommen. Faserpelz-, Softshell- und Nylonjacken verdrängen den Mantel auch in der Stadt und auf dem Weg ins Büro zusehends.

Himalaiataugliche Outfits für die S-Bahn
Wer heute in eine S-Bahn oder Strassenbahn steigt, der sieht das ganze Spektrum der Sports- und Functionalwear: Raschelnde Kunststoffjacken, oft in knalligen Farben, mit vielen Reissverschlüssen und grossen Kapuzen. Darunter oder darüber Daunengilets, Faserpelz-Jäckli oder andere Zwischenschichten, wie man sie von Langlauf oder Skibekleidung kennt. Der Boom ist unübersehbar. Statt einen Mantel kauft man eine Sportsjacke. Und deshalb boomen die Sportausrüster: Transa hat in Zürich einen 3000 m2 grossen Flagship-Store aufgemacht, wo sie allerlei Jacken von Mammut, North Face, Patagonia, Fjällräven oder Haglöfs verkauft, und auch anderswo schiessen die Jack-Wolfskin-Läden wie Pilze aus dem Boden.

Die Outdoor- und Funktionsbekleidung scheint zu funktionieren und dem Lebensgefühl der Konsumenten zu entsprechen sonst würden sie ja nicht gekauft. Am Preis kanns nicht liegen, denn oft kosten diese Sachen wie ein guter Mantel auch mehrere hundert Franken. Und offensichtlich erfüllen diese Jacken einen Zweck, auch in der Stadt. Ausserdem finden viele es wohl praktischer, eine einzige Jacke für Sport, Freizeit und Alltag zu haben, statt wie früher einen Mantel, eine Regenjacke und eine fürs Skifahren.

Ist der Faserpelz die neue Lederjacke?
Aber sind sie auch schick? Darüber kann man sich streiten. Die einen finden die Flut von Nylon- und Faserpelzjacken lässig, weil es dann auch im Tram und auf dem Weg ins Büro so aussieht, als würde sich gleich eine Horde Snowboarder in eine imaginäre Halfpipe stürzen. Die anderen sehen in der Flut von synthetischen, atmungsaktiven Stoffen und technischen Verarbeitungen einen Kulturzerfall, wie man ihn seit der Jeans nicht mehr erlebt hat.

Fakt ist: Diese Jacken sind da, und sie werden so schnell nicht verschwinden. Weil sie aus synthetischen Stoffen genäht sind, werden sie wohl sogar noch dann da sein, wenn der letzte Mensch von der Erde verschwunden ist. Das ist zu bedenken: Umweltgerecht sind diese Materialien nicht. Andererseits kann man sagen, dass sie nicht schlimmer sind als eine Lederjacke, weil für die ja auch Kühe gehalten werden müssen, welche die Atmosphäre mit Methangas belasten und Ackerland beanspruchen.

Grobe Schnitte für feine Körper
Was ist das Stilverdikt des DRS-3-Stilfachmanns? Stylish sind die Outdoor-Jacken in der Stadt meistens nicht, meint Jeroen van Rooijen. Gerade zu Anzügen sind sie ein schwerer Fauxpas und sehen armselig deplaciert aus. Zum Anzug und zur Krawatte gehört auch heute noch ein Mantel aus Wolle. Zum Nachteil sind die oft kastig und formlos geschnittenen Jacken auch für Frauen, weil sie keinerlei weiblichen Reize akzentuieren. Wenn man keine hat, ist das ja okay, aber sonst: Schade drum.

Gut sind die Jacken aber, gerade wenn es etwas währschaftere Neo-Vintage-Qualitäten sind, zu der neuen, kernigen Retro-Mode, wie sie jetzt überall propagiert wird. Zu festeren Chinos, Boots und Holzfällerhemden passt die gewachste Barbour-Jacke bestens. Toll sind auch Dufflecoats, die ein bisschen an alte Fotos von Pionieren des Alpinismus erinnern. Doch sind auch diese meistens aus Wolle und nicht aus knisterndem Nylon geschnitten.

Wenn schon, dann bitte retro
Cool sind die funktionalen Faserpelz- und Nylonjacken eigentlich nur, wenn sie ultramodern und körperbetont geschnitten sind. Im Trend sind auch matte statt glänzende Oberflächen. Und cool sind jene Jacken, die keine grossen Logos drauf haben, denn teilweise pflastern die Hersteller unanständig grosse Logos auf ihre Sportjacken.

Langfristig wird die Sport- und Funktionsmode die Klassik verändern: Ihre besten Qualitäten werden in die Alltagsgarderobe übernommen, doch der Look wird raffinierter und schlichter gemacht.

Moderation: Jeroen van Rooijen, Redaktion: Jeroen van Rooijen