Statussymbol Küche

Eine Rolex am Handgelenk oder ein Jaguar in der Garage? Ach was. Wer wirklich gesellschaftlichen Status markieren will, investiert heute in die Küche. Denn die Küche ist das neue Statussymbol. Der einstige Arbeitsraum der braven Hausfrau ist heute das Zentrum der individuellen Inszenierung.

Die moderne Küche: Glatte Fläche, blitzblanker Chromstahl und oft Die moderne Küche sieht aus wie aus einem Showroom: Die Fronten haben meist ohne Türgriffe
Bildlegende: Die moderne Küche: Glatte Fläche, blitzblanker Chromstahl und oft Die moderne Küche sieht aus wie aus einem Showroom: Die Fronten haben meist ohne Türgriffe

Wir haben immer weniger Zeit, und dadurch steigt der Wert jener Lebenszeit, die man kreativ auslebt. Eine neue Generation hat das Kochen entdeckt und hat wieder Spass daran, Kartoffeln selber zu schälen statt Fertig-Fritten aus dem Tiefkühlfach zu holen und in den Ofen zu schieben. Kochen macht glücklich und gibt in dieser immer virtuelleren Welt Halt. die Zeitgeist-Forschung belegt diese Beobachtung: Eine Studie, welche das deutsche Zukunftsinstitut vor einem Monat publiziert hat und die auf Online-Befragungen von gut tausend Probanden gründet, kam zum Schluss, dass die Küche heute sogar grösseren Statuswert hat als das Auto oder die Stereoanlage. 57% der Befragten gaben an, dass eine tolle Küche wichtig ist, aber nur 29% fanden das Auto noch richtig wichtig.

Food is the new fashion
Die Menschen kochen wieder selber. Convenience Food ist zwar eine Realität, aber leidenschaftliches Privatkochen ist gerade sehr in Mode. Siehe Food Blogs. Auch ist es heute nicht mehr so, dass die Gäste kommen und dann sogleich fertig vorbereitetes Essen aufgetischt wird, sondern man kocht zusammen, das Zubereiten gehört zur Geselligkeit. Dazu kommt der Boom an Kochsendungen, die das Thema weiter befeuern: Wenn die wichtigste Bühne zur telegenen Selbstdarstellung heute die Küche ist, dann muss diese entsprechend gross und gut ausgestattet sein. Nahm die normale Einbauküche auf dem schwedischen Raster von 60 x 60 cm früher keine 10 m2 Wohnfläche in Anspruch, so sind moderne Küchen sicher zwei bis drei Mal so gross wie früher.

Im Trend ist die sogenannte Wohnküche, also ein Hybrid von Küche und Esszimmer. Diese Küche ist also nicht mehr ein abgetrennter Raum, sondern offen und dem Wohnraum zugewandt, es gibt oft einen zentralen Block zum Zubereiten und Kochen, während die Geräte an der Rückwand sind. Vorsicht: Wer so offen zum Publikum hin kocht, der kann nicht einfach das Spaghettiwasser überkochen oder die Butter anbrennen lassen, denn solches bekommen die Gäste ab sofort live mit. 

Die Küche als Labor
Die moderne Küche sieht aus wie aus einem Showroom: Die Fronten haben oft keine Türgriffe mehr, glatte Fläche, blitzblanker Chromstahl - böse Zungen sagen auch, dass solche Küchen oft wie Labors im Spital aussehen. Der Eindruck wird oft verstärkt durch die trendigen Corian-Kunststoff-Oberflächen, die nahtlose Übergange von Flächen und Waschbecken haben. Die Mikrowelle verschwindet, dafür hat man jetzt Dampfgarer oder Steamer, sowie zwei Backöfen, am besten die extrabreiten Modelle. Wer kann, hat zusätzlich zum (frei stehenden) XXL-Kühlschrank mit Eiswürfelmaschine einen Weinklimaschrank, dazu eine spezielle Heizschublade zum Vorwärmen von Tellern und zu den Induktionskochplatten gesellen sich Gasbrenner, Grill und Teppanyaki-Platte. 

Wichtig sind gute Messer, die stilecht hergezeigt werden. Und das Waschbecken muss gross genug sein, um auch ein Ofenblech zu spülen, und natürlich hat man zusätzlich zum Wasserhahn auch eine Duschbrause zum Vorspülen der Geschirrs und Bestecks. Was ausserdem total en vogue ist: Eine richtig grosse, komplizierte und verchromte Zweikreis-Kolben-Kaffeemaschine aus Italien, wie sie sonst in guten Espressobars steht. Dazu natürlich die Mühle, denn der Kaffee muss selbst gemahlen werden.

Küche zum Preis eines Mittelklasseautos
Der Preis einer „normalen Küche beträgt laut dem Fachportal hausinfo.ch heute etwa 15‘ bis 25‘000 Franken, ohne neue Anschlüsse oder neue Böden. Man muss etwa je einen Drittel für Geräte, Möbel und Montage bzw. Abdeckung rechnen. Nach oben ist die Skala offen, gerade wenn man sie bei Luxusmarken wie Boffi, Poggenpohl oder Bulthaup kauft. Da kann es auch ganz leicht sechsstellig werden. Aber man muss auch bedenken: Küchen sind etwas, das man vielleicht zwei Mal im Leben baut: Sie halten in der Regel 25 Jahre. Das tut manches Auto nicht.

Wie die Küche sich übermorgen weiterentwickeln könnte, hat der Gerätehersteller Siemens schon gezeigt, dessen Kühlschränke in Zukunft einen Sensor und eine eingebaute Kamera haben und in die man von unterwegs mit einer App reinschauen kann. Das Gerät macht dann Rezeptvorschläge, was mit dem Vorhandenen noch zu kochen wäre oder was man einkaufen sollte, um dieses oder jene Rezept zu kochen.

Jeroen van Rooijen