Tattoos: Langweiliger Mainstream?

Mit den wärmeren Temperaturen zeigen die Leute nicht nur ihre Haut, sondern auch ihre Tattoos. Tätowierungen sind heute nicht mehr provokativ, sondern absoluter Mainstream, sagt der SRF 3-Stilsheriff Jeroen van Rooijen.

Mister und Miss Ink 2013
Bildlegende: Mister und Miss Ink 2013 Keystone

Ursprünglich waren Tätowierungen dazu da, die Stammeszugehörigkeit des einzelnen anzuzeigen und ihn als Mitglied einer bestimmten Gruppe zu markieren. Seit 1771 kennt man Tattoos unter diesem Namen auch in Europa Captain James Cook brachte das Phänomen von seiner ersten Reise nach Tahiti mit nach England.

Er beschrieb sie als Zeichen der polynesischen Stammeskultur. Heute tätowiert man sich aber nicht mehr, um sich einer Gruppe zuzuordnen, sondern eher, um das Gegenteil davon anzuzeigen, nämlich seine Individualität. Wobei man sich damit auch wieder als Teil einer Gruppe erkenntlich macht, nämlich als Aussenseiter.

Immer mehr Tätowierte
Seit den neunziger Jahren ist Tätowieren ein weltweiter Trend man sieht heute in jedem grösseren Dorf ein Tätowierstudio. Im  Internet findet man auf Umfragen basierende Statistiken, die den Boom bestätigen: In den USA hatte 2006 ein Drittel der Bevölkerung unter 30 ein Tattoo, ein Viertel der Leute unter 40 und 15 % unter 50 hatten eins.

Mit jeder Generation sind es also zehn Prozent mehr Tätowierte. Das würde heissen, dass heute etwa knapp die Hälfte der jungen Erwachsenen Tattoos tragen. Tendenziell sind es etwas mehr Männer als Frauen, die sich für ewig etwas in die Haut ritzen lassen.

Gesellschaftlich akzeptiert
Natürlich tut es immer noch weh und es braucht immer noch Mut, sich ein Tattoo machen zu lassen. Für den einzelnen ist es  sicher auch heute noch ein Schritt, der überlegt sein will, weil so ein Tattoo ja für immer ist. Also kann der Entscheid für ein Tattoo für den einzelnen ein Wagnis sein, doch gesellschaftlich riskiert man damit nichts mehr, im Gegenteil: Heute sind so viele Leute tätowiert, dass man sich mit dem ganz individuellen Tattoo dann doch wieder als brav auf dem Zeitgeist mitsurfender Mainstream-Mensch erkenntlich macht.

Neuere Untersuchungen zeigen, dass Tattoos heute kaum noch als unanständig oder provokativ angeschaut werden, sondern eine breit akzeptierte Form der individuellen Inszenierung sind. Vielleicht riskiert man noch im privaten Kreis noch, dass die Grossmutter die Augenbrauen hochzieht oder der reiche Erbonkel sich das Testament noch einmal überlegt, aber auf gesellschaftlicher Ebene ist ein Tattoo heute total normal. Natürlich gibt es noch Branchen und Jobs, in denen man solche Art von individuellem Körperschmuck nicht goutiert und Tattoos abgedeckt getragen werden müssen, aber es werden weniger.

Tattoo und Gesetzeskonflikte
Der Anteil recht grossflächiger Tattoos hat zugenommen der komplett geschmückte Arm inklusive Schultern ist unter jungen Männern gerade sehr fashionable ein solches Körperkunstwerk braucht mehr Nerven und Geld als etwa ein Tribal, und ist darum auch ein Statussymbol, das von Schmerzunempfindlichkeit und einer gewissen finanziellen Lässigkeit berichtet.

Die Tribals so geschwungene Dekorranken um den Oberarm scheinen aus der Mode zu kommen. Und auch das vor zehn bis fünfzehn Jahren noch oft gezeigte Arschgeweih ist heute eher ein no-go.

Das Gesicht, der Hals und die Hände sind das letzte Reservat für Menschen, die Tattoos explizit als Zeichen von gesellschaftlicher Grenzgängerei verstanden haben wollen: Eine Studie aus dem Jahre 2004 kam etwa zur Erkenntnis, dass von 500 Erwachsenen mit Tätowierungen an Händen, Hals oder Kopf tatsächlich 72 Prozent schon mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.

Die Tattoos der SRF 3 Hörer

Autor/in: Jeroen van Rooijen