Trend «Normcore»: Der Mainstream macht Schule

Normcore ist Hardcore-Normalität und so etwas wie das Gegenteil von allem, was man bisher von einem Modetrend erwartete.

Bequemer Hoodie und lockere Jeans: Facebook-Chef Mark Zuckerberg (mit seiner Frau Priscilla) ist ein typischer Normcore-Vertreter.
Bildlegende: Bequemer Hoodie und lockere Jeans: Facebook-Chef Mark Zuckerberg (mit seiner Frau Priscilla) ist ein typischer Normcore-Vertreter. Keystone

Der Trendbegriff «Normcore» ist neu und macht in den Medien, vor allem auch im Internet, zurzeit die Runde. Ein Fall für den SRF 3 Stilsheriff. Jeoren van Rooijen klärt die wichtigsten Fragen:

Was heisst Normcore?

Der Begriff setzt sich zusammen aus Normal und Hardcore und bedeutet also die Extremform von Normalität und Durchschnittlichkeit. Geprägt wurde der schmissige Zeitgeist-Begriff von einer New Yorker Kommunikations- und Marketing-Agentur namens K-hole.

«Wir alle leiden darunter, permanent etwas besonderes sein zu müssen», wird eine Mitbegründerin der Agentur in verschiedenen Artikeln zitiert. Und die Medien feiern dies, denn endlich gibt es ein Etikett für etwas, das man bisher zwar überall sah, aber nicht recht benennen konnte: Menschen, die scheinbar so normal wie möglich aussehen wollen.

Was treibt diese Menschen an?

Es gibt in der Generation X, die jetzt zwischen 35 und 50 Jahre alt ist, sowie in der seit 1980 geborenen Generation Y, also der ersten digitalen Generation, scheinbar eine Menge Menschen, die sich von der Vorstellung, etwas Besonderes sein zu wollen, verabschiedet haben und ihr Glück darin suchen, in der Anonymität der Masse zu verschwinden.

Sie sind mit den Verlockungen der schnellen und ständig verfügbaren Mode gross geworden, doch finden es inzwischen bequemer, so unauffällig mainstreamig wie möglich durchs Leben zu gehen.

Was sind die Stilmerkmale der Normcore-Menschen?

Sie sind die, an denen man bisher vorbei schaute, weil sie eben nicht besonders auffällig angezogen sind. Die Casual-Uniform aus Shirt, Hoodie, Jeans und Turnschuhen ist ihre normale Alltagskleidung.

Wenns kalt wird, kommt noch eine Nylon-Jacke dazu. Sie haben nie die Ambition gehabt, gut angezogen zu sein. Sie haben nie einen Krawattenzwang gekannt, Lederschuhe zum Schnüren sehen sie höchstens im Schaufenster, hatten sie aber nie an ihren eigenen Füssen.

Sind Normcore-Leute also nicht dasselbe wie Hipster?

Nein. Hipster wollen zwar auch irgendwie «normal» angezogen sein, haben aber immer die Pose der Ironie drauf, also mit der bewusst inszenierten Hässlichkeit.

Das reicht von der übertrieben grossen Brille über die uncoolen Wollmützen und geht bis zu den Bärten, Parkas und Skinny Pants. Hipster wollen durchaus auffallen allerdings tun sie es inzwischen natürlich kaum noch, weil sie inzwischen fast überall sind.

In der relativen Banalität ihrer Kleidung verschwimmen die Grenzen zwischen Hipstern und Normcore-Menschen, die genuin desinteressiert an Mode und Stil sind. Sie wollen nicht stylish sein.

Hat es diese Leute nicht immer schon gegeben?

Doch, aber bisher galt es Jahrzehnte lang noch immer als erstrebenswert, etwas Cooles, Besonderes oder Einzigartiges zu sein. Ausgehend von Andy Warhols Spruch, wonach jeder im Leben seine 15 Minuten Weltruhm bekommen sollte, war jeder irgendwie geprägt vom Traum, einmal aufzufallen und aus der Reihe zu tanzen.

Normcore-Menschen haben diese Idee aufgegeben. Die ganze Mode, all die schnellen Trends, dieses immer dabei sein zu müssen das ist ihnen zu viel geworden und sie haben sich ausgeklinkt. Eigenartig ist, dass dies in einer Zeit passiert, in der es so viel modisches Angebot wie nie gibt. Es ist also eine Art Backlash, die Leute sind überfüttert mit Style und wenden sich ab.

Wenn Normcore jetzt ein Trend ist, soll man ihm folgen?

Normcore ist sicher ein Phänomen es gibt diese Masse von modisch desinteressierten Menschen, die lieber nicht auffallen wollen, und wahrscheinlich werden es wirklich immer mehr. Man sieht diesen Stil tatsächlich.

Es gibt viele Menschen, die beschlossen haben, keine eigene visuelle Identität zu wollen und die gerne wie Mark Zuckerberg oder Bill Gates aussehen wollen. Ein Trend ist es deswegen aber nicht, und etwas, das Vorbildcharakter hat, schon gar nicht.

Normcore ist ein Zustand, aber kein schöner. Und es ist sicher auch ein Warnsignal an die Lifestyle-Branche, die mit ihrem überdrehten Tempo den Draht zu den Leuten verloren hat. Dass diese Normcore-Menschen einfach abschalten und nicht mal mehr rebellieren, so wie früher die Hippies oder Punks, das ist eine bedenkliche Sache.