Was ist das, Schweizer Identität?

Was macht die Schweiz so lebenswert? Sauberkeit, Pünkt-lichkeit und Wohlstand? Sind Engstirnigkeit und «Bünzlitum» ein Ärgernis? Produzentin Michèle Sauvain fand während den Dreharbeiten für «Wir sind die Schweiz» überraschende Antworten.

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Ein Tag im August

43 min, aus DOK - Wir sind die Schweiz vom 3.8.2016

Sicherheit und Freiwilligenarbeit

Claude, der Feuerwehrmann hat als Kind in Mexiko gelebt. Er staunt immer wieder, wie gut das Gesundheitswesen oder der Verkehr in der Schweiz funktionieren und bezeichnet die Ausrüstung der Feuerwehr als die beste auf der Welt. Tatsächlich gibt es in der Schweiz auf 8 Millionen Menschen 1348 Feuerwehrorganisationen, davon sind nur gerade 14 Berufsfeuerwehren, vornehmlich in den grossen Städten. Alle anderen Feuerwehrorganisationen setzen sich aus Freiwilligen zusammen. Gesamthaft engagieren sich in der Schweiz rund 90‘000 Menschen für die Feuerwehr. Sie löschen nicht nur Brände, sondern kommen auch, wenn Keller überfluten oder sich ein Vogel in einem Kamin verirrt. Wo sonst wäre das überhaupt denkbar?

Pünktlichkeit und öffentlicher Verkehr

Claudia ist die jüngste Lokführerin der Schweiz und fährt oft die Pendlerzüge in der Agglomeration Zürich. Sie schätzt den Wohlstand in der Schweiz und staunt immer wieder, wie mürrisch die Menschen morgens am Perron stehen. «Die Menschen hier sollten nicht alles so schwer nehmen und ein bisschen öfters lächeln», sagt sie. Die SBB transportieren in 8'500 Personenzügen täglich rund 1.2 Millionen Personen durch das Land. Allein am Zürcher Hauptbahnhof steigen täglich rund 400'000 Pendler ein und aus. Der öffentliche Verkehr in der Schweiz gehört zu den besten der Welt. Sogar die Verbindungen in den entlegensten Berggebieten sind gewährleistet. Die drei Kilometer lange Strecke zwischen Vnà und Ramosch im Unterengadin zum Beispiel wird seit Jahrzehnten von Chasper mit seinem kleinen Postauto bedient.

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Polizistin Marianne Preiswerk nervt hin und wieder das «Bünzlige»

1:04 min, vom 3.8.2016

Engstirnigkeit und «Bünzlitum»

Polizistin Marianne nervt sich manchmal über das Bünzlitum. Sie mag es nicht, wenn man ihr mit der Lichthupe zu verstehen gibt, dass sie vergessen hat, das Tagfahrlicht einzustellen. Die Menschen hier neigen dazu, die anderen zu kontrollieren oder zu massregeln, sobald sie sich nicht an die Regeln halten, sagt Marianne. Aber das sei ein vergleichsweise kleiner Nachteil, angesichts der vielen Vorteile punkto Sicherheit und Sozialfürsorge, die das Land bietet. Allerdings hätte sich die Aggressivität gegen die Polizei in den letzten Jahren verstärkt, stellt sie fest und führt das darauf zurück, dass die Autoritätsgläubigkeit allgemein ins Wanken geraten sei. Doch sie hat auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die aggressiv auf sie zukommen sich schnell beruhigen, wenn sie freundlich reagiert.

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Lehrer Reto Gubler vermittelt Schweizer Werte

1:10 min, vom 3.8.2016

Gute Ausbildung und Lebensqualität

Der Sport- und Werklehrer Reto fährt jeweils ganz beglückt mit dem Velo zur Arbeit, nachdem er seinen jüngsten Sohn in der Kita abgeliefert hat. Nur schon die grossartige Natur im Berner Oberland macht ihn glücklich. Und dass man mit dem Velo zur Arbeit fahren kann, gibt's auch nicht in jedem Land. Reto, der gelernte Zimmermann, liess sich nachträglich zum Lehrer ausbilden, weil er irgendwann merkte, dass ihm das Motivieren von Menschen liegt. So etwas wäre nicht überall möglich. Die wenigsten Länder haben ein solch vielseitiges und durchlässiges Ausbildungssystem wie die Schweiz. Reto schätzt es sehr, dass hier vieles möglich ist, und dass er sein Leben so leben kann, wie er will.

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Strassenputzerin Maria Cardoso sieht sich als Gast

1:08 min, vom 3.8.2016

Chancen und Jobsicherheit

Auch der Portugiesin Maria hat die Schweiz vieles ermöglicht. Mit 18 Jahren ist sie von zuhause weggegangen, um zusammen mit ihrem Mann hier ihr Glück zu versuchen. Beide haben jahrelang im Gastgewerbe gearbeitet, bevor sie sich vor 12 Jahren von der Stadt Zürich anstellen liessen. Seither putzen sie gemeinsam das Niederdorf. Maria ist in den engen Gassen am liebsten mit ihrem kleinen Putzwagen unterwegs.

Als Strassenwischerin wehrt sie sich gegen das Image, dass sie die Dreckarbeit für die Schweizer verrichten müsse. Ihr Job sei selbst gewählt und mache ihr Spass, zudem gebe es einen anständigen Lohn dafür. Maria hat einen pragmatischen Zugang zu ihrem Leben fern der portugiesischen Heimat. In der Schweiz sei sie Gast, darum könne sie nicht die gleichen Ansprüche stellen wie die Schweizer. Dies sagt sie, obwohl sie in Sachen Arbeitsmoral und Genauigkeit sicher schweizerischer ist als mancher Schweizer.

Hebamme Christine Fässler

Bildlegende: Christine Fässler ist frei praktizierende Hebamme. SRF

Erfolgsdruck und hohe Erwartungen

Nachdenklich machte mich eine Bemerkung von Hebamme Christine, nachdem sie einem weiteren Baby geholfen hat, auf die Welt zu kommen. Sie erlebt viele junge Paare und Familien und stellt fest, dass der Druck auf deren Kinder erfolgreich zu sein im Leben, heute viel grösser ist als früher. Sie findet die Wertschätzung für handwerkliche Berufe, Berufe im Sozialbereich oder ganz allgemein für menschliche Anteilnahme und Achtsamkeit nehme ab. Heute gelten nur noch Studierte als erfolgreich, dabei sei Alten- oder Behindertenpflege für eine Gesellschaft genauso wichtig, es könne ja nicht nur Professoren geben.

Lehrer Reto würde das unterschreiben. Er versucht darum, seinen Oberstufenschülern Vertrauen in die eigenen Talente und Fähigkeiten mitzugeben und sie zu ermuntern einen Beruf auszuwählen, der ihnen entspricht. Auch in dieser Beziehung leben wir in der Schweiz in einer Luxussituation. Wo gibt es schon so gut ausgebaute Berufslehren? Immer noch beginnen rund 70 Prozent der Schulabgänger mit einer Lehre.

Stauwerkarbeiter Stefano aus dem Bergell sieht das gleich. Er mag diesen Erfolgswettbewerb nicht mitmachen und bevorzugt das gemütliche Leben in der Natur. Auf seinem Rundgang durch die Staumauer sagt er zufrieden, er sei nicht besonders ehrgeizig, es müsse ja auch noch Menschen geben, die arbeiten.

Und er hat Recht: Niemand von unseren 20 Protagonisten ist Professor oder in der Öffentlichkeit bekannt, aber alle haben sich ihr Leben so einrichten können, dass es ihnen gefällt. Das ist nicht in jedem Land möglich. So verschieden diese Menschen sind, so verschieden sehen ihre Realitäten aus. Aber etwas ist ihnen gemeinsam. Sie sind aufrichtig, bescheiden, liebenswürdig, herzlich und voller Engagement für das, was sie tun. Das ist ein wichtiger Teil der Schweiz und das macht unser Land auch aus.

«Wir sind die Schweiz»

«DOK», «Tagesgespräch» und die «Regionaljournale» zeigen in ihren Sommerserien, was die Identität der Schweiz ausmacht – im Radio, Fernsehen und online. Zum Web-Special.

Zur Person

Zur Person

Michèle Sauvain leitete die Produktion der Serie «Wir sind die Schweiz». Sie arbeitet seit 2004 im «DOK»-Team, wo sie Sonderprogramme und Koproduktionen verantwortet.

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