Ratinho: «Brasilien wird sich steigern müssen»

Während der WM analysiert der Brasilianer Ratinho die Spiele seine Heimatlandes im SRF-Studio. Im Interview spricht der ehemalige NLA-Spieler über Superstar Neymar, den bisherigen Auftritt der Brasilianer und über die bevorstehende Achtelfinal-Partie gegen Chile.

Ratinho.

Bildlegende: «Gegen Chile wird es ganz schwierig» SRF-Experte Ratinho. SRF

Ratinho, nach der Vorrunde interessiert vor allem eine Frage: Was ist Brasilien ohne Neymar wert?

Ratinho: Er ist für Brasilien natürlich sehr wertvoll. Er kann den Unterschied im Team ausmachen. Aber er ist auch auf seine Mitspieler und eine intakte Mannschaft angewiesen. Das Spiel ist auf ihn ausgerichtet und wenn es ihm gut läuft, dann läuft es in der Regel auch der Mannschaft gut.

Neymar ist im Achtelfinal gegen Chile mit der gelben Karte vorbelastet. Wie gross ist die Gefahr, dass Neymar Brasilien fehlen könnte?

Daran darf man überhaupt nicht denken. Er muss die Partie gegen Chile wie jede andere auch in Angriff nehmen und alles geben. Wenn nochmals eine gelbe Karte dazukommt, dann ist es halt so. Es zählt immer das aktuelle Spiel.

Fred hatte am Confed Cup mehr Tore geschossen als Neymar (5 gegenüber 4). Kann sein Treffer gegen Kamerun befreiend wirken?

Ich denke schon. Der Druck auf ihn als Torschützenkönig des Confed Cups war gross. Er hatte einen schweren Start in die WM, aber dieser Treffer hat bei ihm hoffentlich den Knopf gelöst.

Die Stürmer sind in Brasilien ein Dauerthema. Die Selecao hat zwar mit Neymar, Fred und Jo Weltklasse-Angreifer in den eigenen Reihen. Aber in der Breite fehlt es den Brasilianern.

Es kommt auch darauf an, mit welchem System der Trainer spielen lässt. Aber es ist schon so, dass wir heute nicht mehr diese Dimensionen haben wie damals mit Romario, Bebeto oder Ronaldo. Aber wir haben eine junge und hungrige Mannschaft, die unbedingt etwas erreichen will.

«  Die Innenverteidigung ist das Fundament der Mannschaft »

Die Verteidigung wirkte in den ersten beiden Partien gegen Kroatien und Mexiko sehr sattelfest, gegen Kamerun waren dann aber doch einige Unsicherheiten zu erkennen.

Das stimmt, Kamerun hat es geschafft, die Defensive unter Druck zu setzen. Aber über die gesamte Spieldauer gesehen, geriet Brasilien nie wirklich in Gefahr. Das Fundament dieser Mannschaft ist die Innenverteidigung. Und bisher konnte ich nicht erkennen, dass eine Mannschaft die Verteidiger aus der Ruhe bringen konnte.

Brasilien hinterliess im 1. Spiel einen etwas verkrampften und nervösen Eindruck. Wirkt sich der Einfluss und der Druck des Publikums nicht nur positiv auf die Mannschaft aus?

Brasilien spielt eine Heim-WM und das ganze Land erwartet den Titel. Es ist nur normal, dass die Spieler auch nervös werden. Aber die Jungs holen sich das Selbstvertrauen und das Vertrauen vom Publikum von Spiel zu Spiel und werden immer mehr zu einer Einheit. Und das braucht es, um bis in den Final vorstossen zu können.

Im Achtelfinal trifft Brasilien wie vor 4 Jahren auf Chile. In Südafrika gewann Brasilien mit 3:0. Was für eine Partie erwarten Sie am kommenden Samstag?

Es wird ein ganz schwieriges Spiel. Ich schätze Chile viel stärker ein als noch vor 4 Jahren. Brasilien wird sich steigern müssen, vor allem in Bezug auf das Tempo und das Direktspiel. Taktisch muss eine sehr disziplinierte Leistung her. Es wird auf jeden Fall keine leichte Aufgabe für Brasilien.

Sendebezug: FIFA WM 2014 live, 23.06.2014, 22:00 Uhr

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Kamerun - Brasilien: Die Live-Highlights

6:00 min, aus FIFA WM 2014 live vom 24.6.2014

Zur Person

Ratinho spielte in der Schweiz für St. Gallen (92-93), Aarau (93-96) und Luzern (2004-06), wo er seine Karriere beendete. 1997 war er mit Kaiserlsautern in die 1. Bundesliga aufgestiegen und wurde 1998 mit den «Roten Teufel» als Aufsteiger deutscher Meister.