Zum Inhalt springen

FIFA WM 2014 Reife und Präzision schlagen Leidenschaft und Emotion

Deutschland hat Brasilien gedemütigt. Abgebrüht nutzte das Team von Jogi Löw beim 7:1 die Freiheiten, die ihm der desolate Gegner zugestand. Die Generation um Lahm, Schweinsteiger und Co. scheint bereit, nun auch den letzten Schritt zum grossen Ziel zu machen.

Klose dreht ab zum Jubeln, vier Brasilien-Spieler frustriert.
Legende: Jubel und Konsternation Miroslav Klose nach seinem Treffer zum 2:0. Keystone

29. Spielminute: Sami Khedira im Doppelpass mit Mesut Özil und es stand 5:0. Kurz zuvor hatte ein Doppelpass von Khedira mit Kroos im 4:0 geendet. Deutschland führte im Strafraum von Brasilien ein Herrenleben. Das hatte mit der Ausrichtung des Gegners zu tun. Brasilien habe ganz anders agiert, als defensiv eingestellte Teams zuvor, meinte Thomas Müller, der mit dem 1:0 nach 11 Minuten den Kantersieg eingeleitet hatte.

Mehr Raum führt zu besseren Torchancen

Während sich Deutschland etwa gegen Algerien noch äusserst schwer getan hatte, erarbeitete sich das Team von Jogi Löw gegen Brasilien bald Möglichkeiten im Minutentakt. «Wir hatten schnelle Ballgewinne, dann waren die Räume grösser als gegen defensiv ausgerichtete Gegner», so Müller.

Die Chancen waren von bester Qualität und Deutschland effizient. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die DFB-Elf an diesem Abend tatsächlich weniger Torschüsse zu verzeichnen hatte, als Brasilien! Doch die Deutschen waren bei 7 ihrer 12 Abschlüsse erfolgreich. Zuvor hatten sie im Turnier für 10 Tore 52 Torschüsse gebraucht. Brasilien hingegen brachte im Halbfinal bei 13 Abschlüssen gerade mal einen Treffer zustande.

Legende: Video WM 2014: Spielbericht Brasilien - Deutschland abspielen. Laufzeit 4:14 Minuten.
Aus FIFA WM 2014 live vom 09.07.2014.

Brasiliens Stärke wird zur Schwäche

Wie eine gut geölte Maschine verrichtete die deutsche Offensive ihren Dienst – fast ein wenig kalt für die aufgeheizte Atmosphäre in Belo Horizonte. Doch genau dies war Löws Plan. «Es war wichtig, dieser Leidenschaft und diesen Emotionen mit Ruhe, mit Abgeklärtheit zu begegnen», erklärte er.

Und es offenbarte sich auf brutale Weise, dass Leidenschaft und Emotionen sowohl Brasiliens Stärke als auch seine grösste Schwäche waren. Das Team von Luiz Felipe Scolari vermochte nach dem ersten Gegentreffer keine Ruhe ins Spiel zu bringen, sondern zerfiel vor den Augen des schockierten Publikums in alle Einzelteile – nicht nur in der Verteidigung.

Die Polemik um die Abwesenden

Gründe dafür sind vielleicht weniger im Fehlen von Neymar und Thiago Silva, als in der Hysterie, welche um diese Absenzen entstanden ist, zu suchen. Das Wehklagen um die Ausfälle war nämlich nicht, wie normalerweise üblich, in den Medien am grössten. Vielmehr demonstrierte das Team mit der Präsentation von Neymars Shirt bei der Nationalhymne, wo seine Gedanken waren.

Es traf ein von Emotionen geleitetes und unerfahrenes Team auf eine abgebrühte deutsche Equipe. Auf Seiten von Brasilien waren mit Julio Cesar und Maicon gerade mal zwei Spieler in der Startformation, die vor vier Jahren WM-Erfahrung sammelten.

Legende: Video «Theater um Neymar» - Interview mit Lothar Matthäus abspielen. Laufzeit 3:10 Minuten.
Aus FIFA WM 2014 live vom 09.07.2014.

Der letzte Schritt steht noch an

Deutschlands Grundgerüst hingegen spielt seit Jahren an der Weltspitze mit. Mit Ausnahme von Mats Hummels und Benedikt Höwedes gehörten sämtliche Spieler von Löws Startformation schon zum WM-Kader 2010. Eine Generation schickt sich nun an, endlich das Prädikat «golden» zu verdienen.

Entscheidend wird auch hier die Einstellung sein. Das eigentlich als «Meisterstück» zu wertende Spiel gegen Brasilien war auch nicht mehr als der glanzlose Erfolg über Algerien: ein Schritt auf dem Weg zum grossen Ziel. Löw ist zuversichtlich: «Ich spüre, dass die Mannschaft am Boden bleibt und geerdet ist. Ich glaube auch zu erkennen, dass diese Mannschaft unbedingt bereit ist, den letzten Schritt zu gehen.»

Sendebezug: SRF zwei, FIFA WM 2014 live, 08.07.14 22:00 Uhr.

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Björn Christen, Bern
    Also, ich habe von Brasilien gestern keine 'Leidenschaft' gesehen (auf deutscher Seite aber schon), und die 'Emotionen' kamen erst am Schluss als alle geheult haben, weil man sich bis auf die Knochen blamiert hat.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Martin Lopez, Zürich
    Ich habe ein Brasil-Shirt im Schrank. Meine Sympathien waren eigentlich klar. Aber das Theater um Neymar, das geht gar nicht. Zuerst diese dummen Hütchen, dann das Shirt bei der Hymne. So schlimm die Verletzung war, Fussball ist kein Ponyhof und kein Kindergarten. Anstelle sich zu fokussieren, haben die glaube ich 4 Tage mit Buntstiften überlegt, was man alles machen könnte um die Sympathien zu Neymar zu bekunden. So gewinnt man nichts. Fred tat mir leid. Gratulation an die Deutschen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Pius Fischer, Freiburg
    So liebes SRF-Team vielleicht versteht es jetzt auch Ihr das Fussball ein Sport ist wo die homogenste Mannschaft gewinnt und nicht die welche nur aus Individualisten besteht. An sich ist dies schon seit Jahrzehnten bekannt nur jubelt ihr vor jedem grossem Turnier Shaqiri, Messi, Neymar und Co. hoch als könnten sie den Titel alleine gewinnen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von john, endingen
      cool bleiben, ist doch nicht so schlimm, oder? srf macht einen super job, danke für die tollen berichte im tv.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Pius fischer, Freiburg
      Nein, schlimm ist es nicht nur zeigt es wie eine Nation endet wenn die Medien einen Spieler ins unbegrenzte hypen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Christian Studer, St. Gallen
      Ich teile die Meinung von Herrn Fischer voll und ganz, eine Berichterstattung bzw. Moderation soll möglichst objektiv sein. Leider konnte aber keiner der TV Moderatoren diesem Anspruch annähernd gerecht werden - zu gross die Bewunderung der Superstars wie bspw. Messi. Seine Leistungen haben seit Monaten den Charakter eines "Burn Out". Von den bisher gezeigten Leistungen hat Argentinien den Finaleinzug nicht verdient. Denn wie jedes Spiel kann auch ein Fussballspiel unverdient gewonnen werden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen