Unerwünschte der «Grande Nation» lassen Algerien hoffen

16 der 23 Spieler im Kader von Algerien wurden in Frankreich geboren. Dass sie am Donnerstagabend für Algerien um den Achtelfinal-Einzug spielen, hat nicht nur sportliche Gründe.

Feghouli jubelt mit zwei Teamkollegen

Bildlegende: Jubel in Weiss statt in Blau Sofiane Feghouli, geboren in Paris, gehört zu den auffälligsten Spielern Algeriens. EQ Images

Algerien spielte aus einem Guss. Bis zur 38. Minute hatten die Nordafrikaner gegen Südkorea im zweiten WM-Gruppenspiel auf 3:0 vorgelegt. Das satte Polster liess auch ein Nachlassen nach der Pause zu. Dank dem 4:2-Erfolg haben die Algerier am Donnerstagabend die Chance, sich erstmals überhaupt für die K.o.-Phase einer Endrunde zu qualifizieren.

Wer sind die Spieler, welche Algerien träumen lassen? Ein Blick auf die Kaderliste zeigt: zu einem guten Teil stammen sie aus Frankreich. Spieler wie Sofiane Feghouli, Yacine Brahimi oder Rais Mbolhi sind das Gegenstück zu Zinédine Zidane oder Karim Benzema: Sie entschieden sich aus sportlichen oder auch gesellschaftlichen Gründen gegen die «Grande Nation».

Die Illusion von 1998

Rückblick: Am 12. Juli 1998 jubelten Millionen auf den Champs-Elysées. Frankreich hatte Brasilien im WM-Final mit 3:0 besiegt. Das Team um Zidane, Thierry Henry und Fabien Barthez galt als Musterbeispiel einer «Multikulti-Truppe», eines erfolgreichen Teams gespickt mit vielen Immigranten; ja gar als Hinweis darauf, dass im Fussball die Integration einer Generation geglückt sein könnte und der Sport als gesellschaftlicher Kitt dienen könnte.

Als «Illusion» bezeichnete der Soziologie-Professor Patrick Mignon diese siegestrunkene Interpretation des WM-Titels nach der Jahrtausendwende in der FAZ. In den Vorstädten brannte es nämlich weiterhin, auch wenn «Anwälte der Banlieue» wie Lilian Thuram, Eric Abidal oder Florent Malouda das Frankreich-Trikot trugen.

Polemik um Migranten in den Nationalteams

Und auch im Sport war der WM-Titel kein Fanal zur stärkeren Integration. Zahlreiche junge Talente, in Frankreich aufgewachsen und ausgebildet, entschieden sich gegen eine Zukunft bei der «Equipe Tricolore». Manchmal, weil sie fussballerisch schlichtweg nicht gut genug waren, manchmal aber auch, weil sie sich nicht willkommen fühlten.

Ex-Nationaltrainer Laurent Blanc – notabene Innenverteidiger des WM-Teams von 1998 - hatte 2011 sinngemäss erklärt, die Mannschaft sei zu schwarz, zu arabisch. Gedanken, die Zahl der Spieler mit Migrationshintergrund in den Ausbildungszentren zu begrenzen, machten die Runde. Die Öffentlichkeit war grossmehrheitlich empört.

Vom riesigen Reservoir an guten Spielern, die in Frankreich nicht zum Zug kamen oder kommen wollten, profitierte Algerien. Nicht weniger als 16 Spieler im Kader der Nordafrikaner wurden in Frankreich geboren. Algeriens Nationalcoach Vahid Halilhodzic kennt die französische Fussballlandschaft hervorragend. Als Spieler wie Trainer arbeitete er während Jahren in Frankreich. Als er Algerien 2011 übernahm, konnte er aus dem Vollen schöpfen.

Es den «Grossen» gleichtun

Die «Grande Nation» steht in Brasilien bereits im Achtelfinal. Bester Skorer war Benzema, ein Spieler mit algerischen Wurzeln. Die «Unerwünschten» Frankreichs spielen am Donnerstagabend für Algerien um den Achtelfinaleinzug. Mit einem Sieg gegen Russland sind sie auf jeden Fall weiter.

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Spielbericht Südkorea - Algerien

3:11 min, aus FIFA WM 2014 live vom 22.6.2014

Sendebezug: SRF zwei, FIFA WM 2014, 22.6.14, 21:00 Uhr.

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