Schweden: Erfolgsmodell Profischiedsrichter

Ohne Karlsson kein Eriksson: Schwedens Schiedsrichterchef Bo Karlsson hat gegen anfängliche Widerstände das professionelle Schiedsrichterwesen in der heimischen Liga eingeführt. Einer der Profis ist Jonas Eriksson, der es zum internationalen Top-Ref gebracht hat.

Es ist unerwartet mild in Sigtuna. Die älteste Ortschaft Schwedens liegt idyllisch an einem See, rund 40 Fahrminuten von Stockholm. Hier kann sich Jonas Eriksson von seinen Reisestrapazen erholen. Schwedens bester Schiedsrichter war an der letzten Europameisterschaft dabei und wird auch in Brasilien einer von 9 europäischen WM-Schiedsrichtern sein. Rund 140 Nächte pro Jahr verbringt der Familienvater im Ausland.

Wir treffen ihn im Fitnessstudio. Angetrieben von einem Personal Trainer, der gleichzeitig sein Physiotherapeut und Masseur ist, absolviert er ein Trainingsprogramm, wie es so manchen Profifussballer erblassen liesse.

WM-Teilnahme dank Profistatus

Aufs Geld braucht Eriksson nicht zu achten: Er war an einer Sportrechte-Firma beteiligt, deren Verkauf im Jahr 2007 ihn zum mehrfachen Millionär machte. Erst 2011 wurde er Profischiedsrichter.

Der 40-Jährige, seit 20 Jahren Referee, sagt, seit er Profi ist, sei er nicht mehr überall zu spät dran: Bei der Familie, beim Job und bei seinen Pflichten als Schiedsrichter. Und er könne viel mehr für die Fitness tun, was entscheidend sei. Nur so habe er immer eine gute Position auf dem Platz. Eriksson ist sich sicher: Ohne den Profistatus hätte er es nicht an die grossen Endrunden geschafft.

Zweifel beseitigt

Davon ist auch Bo Karlsson überzeugt. Ihn treffen wir beim Schwedischen Fussballverband in Solna, einer Vorstadt Stockholms. Karlsson war einst selber WM-Schiedsrichter, 1994 beim Spiel Argentinien-Nigeria. Dieser Karrierehöhepunkt war für ihn aber eher traumatisch. Acht Monate zuvor hatte er sich die Achillessehne gerissen, bei der WM wollte er trotz mangelnder Fitness unbedingt dabei sein.

Mit seiner Leistung war er unzufrieden, aber noch mehr störte ihn, dass ihn beim Verband niemand gebremst hatte. Als er im Jahr darauf selbst Chef der schwedischen Referees wurde, unternahm er alles, um die Schiedsrichter-Betreuung und somit die Qualität zu verbessern. Deshalb schlug er 2007 vor, Profischiedsrichter einzuführen. Nach zwei Jahren hatte er alle Bedenken seitens des Verbands und der Clubs beseitigt. Seit 2009 hat Schweden sechs Profischiedsrichter und fährt offenbar gut damit.

Gesteigertes Niveau

Der 65-jährige Karlsson zählt die Vorteile auf: Der Respekt vor den Unparteiischen sei deutlich grösser geworden; das Niveau sei gestiegen, denn die fünf Amateur-Schiedsrichter der höchsten Liga wollten gegenüber den Profis nicht abfallen; die Profis liessen sich für die Ausbildung von Talenten einspannen; und natürlich sei das Zeitmanagement viel einfacher.

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Fussball: Profi-Schiedsrichter auch in der Schweiz?

11 min, aus sportlounge vom 28.4.2014