Klose: «Mir wurde der Stecker gezogen»

Timm Klose hat sich vom Abstieg Norwichs in Englands zweite Klasse nicht verunsichern lassen. Im Gegenteil, im teilweise wilden Wettbewerb blüht der 28-jährige Innenverteidiger richtiggehend auf.

Timm Klose kaut an seinen Nägeln.

Bildlegende: Timm Klose Der Basler hat sich vom Abstieg mit Norwich erholt. Freshfocus

Timm Klose, in Norwich kursierten im Sommer Befürchtungen, Sie würden in Erwägung ziehen, den Klub nach nur einem halben Jahr wieder zu verlassen.

Timm Klose: «Mir war nach einem sehr offenen Gespräch mit Vladimir Petkovic klar, dass meine Zukunft im Nationalteam unter Umständen gefährdet sein könnte, wenn ich in der zweiten englischen Liga spiele. Ich verstand seine Haltung. Es gibt genügend Kandidaten, die in erstklassigen Vereinen beschäftigt sind. Deshalb machte ich mir natürlich entsprechende Gedanken.»

«  Mir wurde regelrecht der Stecker gezogen. Ich schlug auf dem Boden der Tatsachen auf. »

Mit dem Stempel «zweitklassig» haben Sie als Nationalspieler keine Mühe?

«Klar war der Fall in die Championship unangenehm. Ich musste mich umstellen. Aber wissen Sie, die Wertschätzung hier tut gut. Ich werde jedes Wochenende gebraucht, und ich weiss genau, dass mir die Verantwortlichen Premier-League-Niveau attestieren.»

Auf ein weiteres Abenteuer à la Wolfsburg hatten Sie demzufolge keine Lust?
«Wolfsburg war ein gutes und zugleich schwieriges Kapitel. Persönlich und fussballerisch machte ich schon Fortschritte. Ich gewann den Cup und war Teil jener Mannschaft, die Platz 2 erreichte in der Bundesliga. Aber die längeren Phasen ohne eine einzige Einsatzminute waren belastend und zunehmend zermürbend.»

Klose hält das Tornetz

Bildlegende: Das Bild trügt. Mit Norwich läuft es Klose in dieser Saison. Imago

War die Saison vor der verpassten WM 2014 die schwierigste Ihrer Karriere?

«Mir wurde regelrecht der Stecker gezogen. Ich schlug auf dem Boden der Tatsachen auf. Mir braucht niemand zu erzählen, dass es ihm gut gehe, wenn er nicht spielt. Man verdient zwar weiterhin eine schöne Stange Geld, aber glücklich ist am Ende des Tages keiner. Niemand trainiert hart, um nur zuzuschauen.»

In Norwich sind Sie aus dem Blickfeld der breiten Öffentlichkeit verschwunden, aber eine gewisse Konstanz ist nicht übersehbar.

«Das Gesamtpaket stimmt, für mein Umfeld passt die Situation. Ich darf hier meine Leidenschaft voll ausleben. Ich spiele aus Passion Fussball. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt nicht primär für die Familie, weil mein Background nichts anderes zulässt. Ich stehe in erster Linie wegen der tollen Emotionen auf dem Platz.»

«  Alles ist etwas komplizierter, ein kleiner Kulturschock, aber spannend. Ich mag die Engländer sehr. »

Betrachten Sie Ihr Engagement im Osten Englands in jeglicher Hinsicht als Horizonterweiterung?

«Ich lerne in der Tat auch fürs Leben. Der Schweizer Perfektionist stösst im englischen Alltag immer wieder auf kleine Herausforderungen. Als wir das Haus bezogen haben, war die Wohnung nicht frisch gestrichen, sondern dreckig. Die Kisten des Vormieters standen noch herum, Spinnen krabbelten über den Teppich. Die Putzkraft kommt dann vielleicht morgen, oder sie kommt gar nicht (lacht). Der Landlord (Vermieter) muss sein Okay geben, die Agentur vermittelt. Alles ist etwas komplizierter, ein kleiner Kulturschock, aber spannend. Ich mag die Engländer sehr.»

Wie gross ist die Challenge im sportlichen Bereich?

«Ich war in den ersten 2, 3 Spielen echt überrascht, wie hoch die Intensität ist. Die Gegner rennen, beissen, kratzen. Die Stadien sind beeindruckend voll, in Newcastle kamen fast 50'000. Klar, einen Kevin De Bruyne findet man in dieser Liga nicht, aber das Niveau ist ansprechend. Es gibt einige Namen mit respektablem Premier-League-Palmares.»

«  Darum bin ich doch Verteidiger geworden, um solchen Anstürmen standzuhalten. »

Sie würden den Begriff «Zweitklassigkeit» also relativieren?

«Ich will nicht beurteilen, wie das Niveau in der Ligue 1 oder in der Serie A ist, aber das Championship-Level ist ansprechend. Im Vergleich zur Premier League wird teilweise härter oder zumindest wilder gespielt - 5 verteidigen kompromisslos, 5 greifen bedingungslos an. Im Strafraum werden die Ellenbogen ausgefahren, kopfballstark sind alle. Es gibt mehrere Harry Kanes.»

Timm Klose köpfelt den Ball konsequent weg.

Bildlegende: In seinem Element Timm Klose köpfelt den Ball konsequent weg. Imago

Und Klose mitten in der Abwehrschlacht.

«Mir machen solche Spiele Spass. Am vergangenen Samstag in Wolverhampton war ich in den letzten 20 Minuten nur noch damit beschäftigt, Bälle wegzuköpfeln. Darum bin ich doch Verteidiger geworden, um solchen Anstürmen standzuhalten.»

Was schätzen Sie ausserhalb des Feldes?

«Mir hat beispielsweise imponiert, wie die Fans auf das unbefriedigende Ergebnis der letzten Saison reagiert haben. Sie rasteten nicht aus, sondern erhoben sich und klatschten. Ich war erstaunt, keine Pfiffe, keine Kritik, Applaus und die Message: ‹Kein Problem. Ihr schafft es, wieder aufzusteigen. Wir glauben an euch.› Das ist nicht alltäglich im Profi-Fussball.»

Sendebezug: Laufende Berichterstattung WM-Qualifikation

Übertragungs-Hinweis

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