Die Biathlon-WM am «Ende der Welt»

Praktisch zeitgleich mit der Ski-WM in Schladming findet ab Donnerstag die Biathlon-WM in Nove Mesto statt, am «Ende der Welt». SRF-Kommentator Herbert Zimmermann übermittelt erste Eindrücke aus dem tschechischen Hochland.

Ein Biathlet unterwegs in Nove Mesto.

Bildlegende: Abgeschiedenheit Ein Biathlet unterwegs in Nove Mesto. Keystone

Wo ist Nove Mesto? Keine leichte Frage, denn Google spuckt 5 Orte in Tschechien aus mit dem Namen, der übersetzt «Neustadt» heisst. Man munkelt, Leute aus dem Biathlon-Tross sollen sich beim ersten Besuch hier schon verirrt haben. Der Volltreffer im Städte-«Bingo» heisst Nove Mesto na Morave in Mähren. Wobei: Volltreffer ist auch wieder irreführend.

Es lebe das «Navi»!

Für knapp 2 Stunden leitet das Navigationsgerät auf der Autobahn von Prag in Richtung Brünn. Die Betonplatten der Schnellstrasse stammen wohl noch aus der kommunistischen Ära. Ein Plakat mit dem WM-Logo signalisiert die Ausfahrt. Aber danach: Wegweiser zum WM-Ort? Fehlanzeige.

Heruntergekommene Bauten auf dem Weg nach nove Mesto.

Bildlegende: Zahn der Zeit Heruntergekommene Bauten auf dem Weg nach nove Mesto. H. Zimmermann

Vorbei an vernagelten Haustüren...

Co-Kommentator Matthias Simmen, der 2011 zurücktrat ohne einen Wettkampf in Nove Mesto bestritten zu haben, und ich, wir vertrauen voll aufs «Navi». Es befiehlt uns in Weilern abzuzweigen, wo es auf den ersten Blick im nächsten Hinterhof endet. Wir fahren an vernagelten Haustüren vorbei, an Fabriken mit krummen Backsteinschornsteinen und blinden, zersplitterten Scheiben. Es riecht nach öligem Russ aus den Kaminen. Wir queren weite, sanft gewellte Felder, die Strasse knickt immer wieder unerwartet als Kurve weg, vor blinden Kuppen steige ich freiwillig vom Gaspedal.

...und äsenden Rehen

Die Lust, das Tempo-Limit von 90 km/h auszureizen, hält sich in Grenzen. Zwar kreuzen wir selten Autos, aber die Sicherheitslinie fehlt. Dafür hat es deftige Schlaglöcher, sandige Splittreste schmieren den Asphalt und die Temperatur-Anzeige warnt vor möglichem Glatteis. Zwischendurch, in den Waldstücken, wird es zappenduster - die Bäume stehen so dicht, dass man erwartet, ein Bär zottelt gleich vor den Kühler. Zumindest sehen wir ein Rudel friedlich äsende Rehe im kargen Gras.

Das Städtchen Trebic, auf dem Weg nach Nove Mesto.

Bildlegende: Durchfahrt Das Städtchen Trebic, auf dem Weg nach Nove Mesto. H. Zimmermann

Flucht der Jugend in die Städte

Nach einer guten halben Fahrstunde übers Land endet die Expedition in Nove Mesto. Das offizielle Medienhotel will dann eine weitere Fahrstunde entfernt in Trebic erkundet werden. Es nennt sich Grand Hotel, sieht aber nicht so aus. Nähere, annehmbare Unterkünfte? Kopfschütteln beim Accomodation-Desk der WM. Nove Mesto befindet sich in einer sogenannt «strukturschwachen Region». Die tschechischen Boom-Jahre der letzten Dekaden sind an der Vysocina, dem mährischen Hochland, spurlos vorbeigegangen. Die junge Generation flieht, wenn sie kann, in die Städte.

Ein Fest wird es trotzdem

20 Millionen Euro investierten Staat, Region und Stadt Nove Mesto in den Bau der neuen Biathlon-Arena. Viel Geld in einem Ort, wo man für knapp 30 Franken zu zweit im Restaurant ein komplettes, gediegenes Menu bekommt. Nove Mesto schmückt nun ein modernes Stadion, von allen Seiten gelobt, und hofft damit auf wirtschaftlichen Stimulus. Die Streckenanlage ist anspruchsvoll und spektakulär. Das OK und seine Helfer empfangen alle freundlich und hilfsbereit.

Die Voraussetzungen stimmen, dass diese Biathlon-WM ein Volksfest wird wie letztes Jahr im urig-bayrischen Ruhpolding. Der Vorverkauf läuft prächtig: Der Mixed-Staffel-Wettkampf zum Auftakt heute Abend ist ausverkauft, 20‘000 Zuschauer werden erwartet. Die Biathlon-Elite ist zu Gast am Ende der Welt. Vielleicht wird das schöner als Schladming mit dem Adabei-Glamour und hemmungslosen Rummel.

TV-Hinweis

TV-Hinweis

Erstmals zeigt SRF alle Rennen einer Biathlon-WM live. Den Auftakt macht die Mixed-Staffel am Donnerstag, zu sehen ab 17.30 Uhr auf SRF zwei oder im Livestream.