Gian Simmen: «Iouri wird eine gute Show zeigen»

Bei der WM in Kreischberg sind die Snowboarder und Freestyler erstmals vereint. Mit 1000 Athleten aus 60 Nationen erfährt der Anlass neue Dimensionen. Im Interview blickt SRF-Experte Gian Simmen voraus – er rechnet mit Iouri Podladtchikov und mindestens 5 Schweizer Medaillen.

Iouri Podladtchikov reckt nach seinem Run die Arme in die Höhe.

Bildlegende: In Jubelpose Iouri Podladtchikov will auch bei der WM die gesamte Konkurrenz überragen. Keystone

Im November litt die Sportschweiz mit dem Rücken von Roger Federer. Zwei Monate später rückt Iouri Podladtchikovs Knöchel in den Fokus. Können Sie unmittelbar vor der WM Entwarnung geben?

Gian Simmen: Die Verletzung (Knöchelbruch Mitte November – die Red.) kam zu einem dummen Zeitpunkt. Doch sie ist sehr gut verheilt. Seit dem 6. Januar ist Iouri zurück im Schnee, in Laax konnte er optimal und auch schmerzfrei trainieren.

Er tritt als Titelverteidiger und Olympiasieger an. Ist die kurze Vorbereitungszeit mit seinen hochtrabenden Ambitionen vereinbar?

Iouri würde den Wettkampf nicht bestreiten, könnte er sich keine Chancen auf den Sieg ausrechnen. Er ist schlau. Und wenn er im Einsatz steht, dann fährt er auch top. Er beherrscht die technischen Tricks, hat sie verinnerlicht. Mental ist er sie tausend, ja abertausend Mal durchgegangen. Was er kurzfristig noch brauchte, waren Kilometer im Schnee. Die hat er sich in den letzten 8 Tagen geholt. Deshalb bin ich überzeugt, dass er eine sehr gute Show zeigen wird.

In Sotschi trug ihm erst der Yolo-Flip Gold ein. Ist dieser Sprung aktuell denkbar?

Er wird kaum auf den Yolo-Flip angewiesen sein, um FIS-Weltmeister zu werden. Ganz generell muss er nicht alle Tricks von Sotschi auspacken.

Weil die Konkurrenz nicht mehr so hochkarätig besetzt ist? So fehlt auch Shaun White, der dafür an den X-Games in Aspen (22. bis 25. Januar) startet.

Diese Terminüberschneidung spielt mit. Denn viele Amerikaner räumen dieser Veranstaltung weiterhin Priorität ein und wollen sich vorher nicht einen Jetlag einfangen. Zudem gönnen sich einige Athleten am Anfang eines neuen Olympiazyklus eine Auszeit. Nichtdestotrotz wird das Niveau bei der WM hochklassig sein, ist sie doch eines von nur wenigen Highlights im diesjährigen Kalender.

In Sotschi setzte auch David Hablützel als Fünfter ein Ausrufezeichen. Ist der erst 18-Jährige zu einem ähnlichen Exploit fähig?

Auch er ist nach einem Kreuzbandriss ein Rückkehrer. Gleichwohl ist er blendend in Form. Wegen seiner Pause ist er nicht ausgebrannt, stattdessen ist er frisch und absolut heiss. Er hat in Sotschi Luft geschnuppert.

Für diese WM haben sich die Boarder und Skifahrer zuammengeschlossen. Ein Szenario, das vor Jahren noch undenkbar war. Was halten Sie von dieser Idee?

Die Szene ist eng zusammmengewachsen, deshalb ist eine «Doppel»-WM sehr zu begrüssen. Im Freestyle und Boardercross oder Skicross wird die gleiche Infrastruktur benötigt. Da macht es absolut Sinn, Synergien zu nutzen und dafür eine Anlage auf höchstem Standard zu errichten.

Gesamthaft werden an der WM 24 Medaillensätze vergeben. Welche Ansprüche darf die Schweiz haben?

Wir sind sehr breit aufgestellt, zählen in vielen Disziplinen zu den Medaillenkandidaten. Im Freestylebereich der Skifahrer und Snowboarder sind 3 bis 4 Podestplätze möglich. Im Alpin-Snowboard rechne ich mit weiteren 1-2 Medaillen.

Gibt es eine Sorgendisziplin?

Im Boardercross besteht Aufholbedarf, wie sich bereits in Sotschi gezeigt hat. Kommt dazu, dass es in dieser Sparte in dieser Saison noch keine Weltcup-Rennen gab und eine Einschätzung darum schwierig ist.

Wie steht es um die Skicrosser? Konnten Sie sich nach der Olympia-Schlappe wieder aufrichten?

Sie müssen die Schmach verdaut haben. Fanny Smith erlebte ich kürzlich top motiviert. Sie hat etwas gutzumachen. Olympia ist für sie komplett abgehakt, und sie brennt auf ein Spitzenresultat.

Snowboard- und Freestyle-WM: Schweizer Aufgebot

Aerials:
(Qualifikation am 14.01.; Finals am 15.01.)
Mischa Gasser
Dimitri Isler
Snowboardcross:
(Qualifikation am 15.01.; Finals am 16.01.)
Jérôme Lymann
Kevin Klossner
Sandra Gerber
Emilie Aubry
Snowboard Halfpipe:
(Qualifikation am 16.01.; Finals am 17.01.)
Iouri Podladtchikov
David Hablützel
Christian Haller
Jan Scherrer
Verena Rohrer
Buckelpiste:
(Moguls am 18.01.; Dual Moguls am 19.01.)
Deborah Scanzio
Marco Tadé
Snowboard Slopestyle:
(Qualifikation am 19.01.; Finals am 21.01.)
Jonas Bösiger
Lucien Koch
Lucas Baume
Sina Candrian
Elena Könz
Lia-Mara Bösch
Freeski Slopestyle:
(Qualifikation am 20.01.; Finals am 21.01.)
Die Selektionen der Freeski Slopestyler werden am 14. Januar bekannt gegeben.
Freeski Halfpipe:
(Qualifikation am 21.01.; Finals am 22.01.)
Die Selektionen der Freeski Halfpipe-Fahrerinnen und -Fahrer werden am 16. Januar bekannt gegeben.
Snowboard Alpin:
(PSL am 22.01.; PGS am 23.01.)
Patrizia Kummer
Stefanie Müller
Julie Zogg
Ladina Jenny
Nevin Galmarini
Kaspar Flütsch
Silvan Flepp
Snowboard Big Air:
(Qualifikation am 23.01.; Finals am 24.01.)
Jonas Bösiger
Lucien Koch
Jan Scherrer
Pat Burgener
Sina Candrian
Elena Könz
Lia-Mara Bösch
Skicross:
(Qualifikation am 24.01.; Finals am 25.01.)
Die Selektionen der Skicrosser werden am 14. Januar bekannt gegeben.

Sendebezug: Radio SRF 4, Morgenbulletin, 15.01.15 06:17 Uhr

Video «WM-Gold für Podladtchikov» abspielen

WM-Gold 2013 in Stoneham für Podladtchikov

1:03 min, aus Tagesschau Spätausgabe Wochenende vom 20.1.2013

Video «Snowboard Halfpipe: 2. Final-Run von Iouri Podladtchikov (sotschi direkt, 11.02.2014)» abspielen

Podladtchikovs Gold-Run bei Olympia

3:07 min, aus Sotschi-Clip vom 11.2.2014

Zur Person

Zur Person

Gian Simmen kommentiert an der Seite von Dani Kern die WM in Kreischberg. Der 37-Jährige holte in der Halfpipe 2001 und 2002 selbst den WM-Titel (auf der ISF-Tour). Schon 1998 feierte der Bündner Olympia-Gold in Nagano. Vor 2 Jahren trat Simmen zurück.

TV-Hinweis

TV-Hinweis

SRF lanciert die WM in Kreischberg am Freitag. Verfolgen Sie die Halfpipe-Qualifikation der Männer ab 14:40 Uhr im Livestream auf www.srf.ch/sport. Bis zum Ende der Titelkämpfe am 25. Januar werden alle wichtigen Entscheidungen auf SRF zwei übertragen.