Die Schweiz als Hürdennation – warum eigentlich?

In der 400-m-Hürden-Disziplin ist die Schweiz so gut aufgestellt wie nirgends sonst in der Leichtathletik. 4 WM-Starter zeugen davon. Tradition, wertvolles Know-how und auch Zufall sind die vielschichtigen Gründe.

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Zberg: «Husseins Erfolge sind wohl das beste Fördermittel»

2:10 min, vom 10.8.2017

  • Von der 19-köpfigen Schweizer Delegation trat ein Quartett über 400 m Hürden an
  • Mit Kariem Hussein (8.) und Léa Sprunger (5.) stellte die Schweiz zwei Finalisten

Dass hierzulande gleich eine solche «Massenbewegung» über 400 m Hürden auf hohem Niveau ausgelöst worden ist, sei wohl auch dem Zufall geschuldet. Dies sagt Marcel Schelbert, bis heute der einzige Schweizer WM-Medaillengewinner in dieser Sparte.

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1999: Schelbert gewinnt dank furiosem Endspurt WM-Bronze

1:09 min, vom 11.8.2017

Der hiesige Sportler des Jahres 1999 eroberte in jenem Sommer in Sevilla dank seiner Endschnelligkeit Bronze. Er bescherte Swiss Athletics eine Premiere, Vorreiter aber war er nicht. 1958 dank Bruno Galliker (3.) und 1990 dank Anita Protti (2.) hatte es an Europameisterschaften schon Schweizer Podestplätze zu bejubeln gegeben. «Sie haben den Weg für mich vorgespurt», so Schelbert.

Anforderungsreich und nichts für schwache Nerven

Diese lange Tradition nennt Flavio Zberg, der verantwortliche Nationaltrainer, als einer von vielen Gründen für die Schweizer Stärke. «Das Know-how in der Ausbildung konnte von Generation zu Generation weitergereicht werden.»

Mit Taktik und Trainingsfleiss sei viel herauszuholen. Deshalb werde im Verband bewusst und konsequent auf das Nischenprodukt gesetzt, wo die internationale Leistungsdichte vielleicht nicht ganz so enorm ist wie anderswo.

Schelbert bezeichnet die 400 m Hürden als «komplexe und sehr attraktive Disziplin. Sie braucht nicht nur körperliche, sondern auch psychische und mentale Voraussetzungen.»

Viele hätten Respekt vor der vollen Bahnrunde mit 10 zu überwindenden Hindernissen. «Deshalb wagen sich in jungen Jahren weniger Athleten daran heran», ergründet der heute 41-Jährige, der 2003 vom Spitzensport zurücktrat.

Ein weiterer Erklärungsansatz für die aktuelle Blütephase mag laut Schelbert sein, dass man über verschiedene Richtungen einsteigen kann. «Es gibt mehrere Optionen, um sich heranzutasten: etwa vom Sprint her oder über 400 m flach.»

Seit 2014 Medaillen fast schon im Akkord

Nach Schelbert dauerte es eine Weile, ehe sich mit Kariem Hussein das nächste Schweizer 400-m-Aushängeschild etablierte. Doch dann ging der rasante Aufstieg innert Kürze weiter:

  • 2014: Hussein wird vor Heimpublikum Europameister – 2 Jahre später holt er EM-Bronze
  • 2016: Disziplinen-Umsteigerin Léa Sprunger erobert an der EM in Amsterdam ebenfalls die Bronzemedaille
  • In Zukunft: Mit Dany Brand, gemäss Trainer Zberg ein ganz anderer Läufertyp als Hussein, aber ein ebenso vielversprechendes Talent, steht der nächste schon in den Startlöchern. Der Zürcher schaffte die Limite für London, verzichtete aber zu Gunsten einer weitsichtigen Karriereauslegung auf die Titelkämpfe.

Erfahren Sie zudem im Video unten, was WM-Halbfinalistin Petra Fontanive, Chef Leistungssport Peter Haas und Sprunger-Trainer Laurent Meuwly über den 400-m-Hürdenlauf sagen.

Sendebezug: SRF zwei, sportlive, 10.08.2017 19:55 Uhr