«Ja, Zülle war gedopt – wie alle anderen auch»

Im 9. Teil unserer Serie anlässlich der 100. Austragung der Tour de France blicken wir zurück auf zwei der grössten Skandale der Frankreich-Rundfahrt und erklären, warum der «Mythos Tour de France» trotzdem weiterleben konnte.

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Festina-Skandal an der Tour de France («sportaktuell»)

3:44 min, vom 15.7.2013

Die Tour de France ist mehr als die drittgrösste Sportveranstaltung der Welt; sie ist ein Mythos. Sie erschafft Helden und entblösst Verlierer, sie fordert Extremes und zollt Tribut. Wer nach 3 Wochen auf die Champs-Élysées einbiegt, ist tapfer - wer in den Pyrenäen hängen bleibt, wird es nochmals versuchen. Die Tour hat auch 2013 bei ihrer 100. Austragung nichts von ihrer Faszination eingebüsst.

Die Tour wurde schon totgesagt

Das ist nicht selbstverständlich, denn der Radsport und mit ihm das französische Aushängeschild wurden schon von diversen Skandalen heftig durchgeschüttelt. Die französische Zeitung France Soir hatte die Tour vor 6 Jahren nach dem Doping-Skandal um Michael Rasmussen (Dä) mit einer Todesanzeige auf dem Titelblatt gar zu Grabe getragen: «Die Tour erlag im Alter von 104 Jahren einer langen Krankheit.»

Rasmussen, der damalige Träger des «Maillot jaune», war nach seinem Triumph in der 16. Etappe überraschend überführt und ausgeschlossen worden. Es war nur eine von zahlreichen Doping-Affären in den vergangenen 15 Jahren.

Willy Voet

Bildlegende: Unrühmliche Berühmtheit Willy Voet, der aufgeflogene Doping-Betreuer des Festina-Teams. Reuters

Festina: Der erste grosse Skandal

Viele Jahre lang war Doping im Radsport stillschweigend akzeptiert worden. «Doping hat immer existiert», sagte Willy Voet im Sommer 1999 in einem Interview mit der Sonntagszeitung. Er musste es wissen: Der Belgier war der Hauptakteur, als während der Frankreich-Rundfahrt 1998 der «Festina-Skandal» aufflog.

Nachdem bei Voet, einem Betreuer der damals führenden Festina-Equipe, grosse Mengen an unerlaubten Substanzen gefunden worden waren, wurde bestätigt, was im Prinzip alle wussten: dass im Radsport flächendeckend mit illegalen Substanzen, in diesem Fall EPO, nachgeholfen wird. Dem Festina-Team gehörten damals prominente Fahrer an wie beispielweise der französische Bergkönig Richard Virenque.

Zülles Tränen

Auch die drei Schweizer Alex Zülle, Armin Meier und Laurent Dufaux waren in den Doping-Skandal verwickelt. Zülle, der von Voet als «grosser Champion» und «absoluter Profi» bezeichnet wurde, musste den Doping-Missbrauch wenige Tage nach seinem Tour-Ausschluss zugeben. Der charismatische Ostschweizer weinte dabei bittere Tränen. «Ja klar, er war gedopt», sagte Voet zum Geständnis von Zülle, «er war gedopt wie alle anderen Fahrer auch.»

Der spanische Doping-Arzt Eufemiano Fuentes.

Bildlegende: Viele Kunden im Radsport Der spanische Doping-Arzt Eufemiano Fuentes. Keystone

Fuentes-Affäre: Der spanische Doping-Arzt

Neben vielen anderen Doping-Affären sorgte im Sommer 2006 die «Operacion Puerto» für grosse Schlagzeilen: Die spanische Polizei deckte das Doping-Netzwerk um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes auf. Der Gynäkologe versorgte Dutzende Radsportler mit Dopingmitteln, darunter die deutsche Rad-Ikone Jan Ullrich.

Dieser wurde zusammen mit 56 weiteren Fahrern von der Tour 2006 ausgeschlossen. Ein Jahr später beendete Ullrich, der ins Visier der deutschen Justiz geraten war, seine Karriere. Zu diesem Zeitpunkt übrigens war Lance Armstrong noch ein unbefleckter Champion ...

Dunkler Doping-Schatten

Es ist eine Krux: Von allen Fahrern, die zwischen 1996 und 2010 auf das Tour-Podest gefahren sind, stehen oder standen mit Cadel Evans, Carlos Sastre, Andy Schleck und Denis Mentschow nur deren 4 nicht unter Doping-Verdacht. Trotzdem zieht die «grosse Schleife» auch in diesem Jahr wieder die ganze Sportwelt in ihren Bann. Denn «La Grande Boucle» ist und bleibt ein Mythos.

Serie zur 100. Tour de France

Serie zur 100. Tour de France

In einer mehrteiligen Serie blicken wir während der dreiwöchigen Rundfahrt auf die Geschichte der Tour de France zurück.