Assen am Sonntag – der Bruch mit der Tradition

Kein Motorrad-GP hat eine solche Tradition wie derjenige von Assen. Seit 1949 ununterbrochen im WM-Kalender, vermag er Fahrer und Fans gleichermassen zu begeistern. Und er konnte sich erlauben, am Samstag als Renntag festzuhalten – bis gestern, als die Veranstalter alle bös überraschten...

Es war ein Paukenschlag, der am Donnerstagabend über dem Circuit von Assen niederging. Die vereinte Schar von Fahrern, Teammitgliedern und Journalisten staunte nicht schlecht, als eine unscheinbar aussehende Medienmitteilung die Runde machte. Der Titel: «From 2016 the TT Assen will be on Sunday». Assen am Sonntag? Das muss ein Witz sein...

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Rossi, Marquez, Espargaro und Bradl über den neuen Assen-Termin

1:43 min, vom 26.6.2015

Ist es nicht. Aus «wirtschaftlicher Notwendigkeit» habe man sich nach langem Ringen zu diesem Schritt entschieden, heisst es in Assen. Mit zusätzlichen Zuschauern soll das wirtschaftliche Überleben gesichert werden. Mit 5 bis 10 % mehr Besucher rechnen die Verantwortlichen dank dieser Programm-Anpassung.

Tradition seit 1925

«Programm-Anpassung» ist eigentlich der falsche Ausdruck, er ist viel zu harmlos. Denn es ist nichts anderes als ein Bruch mit einer grossen Tradition. Seit hier 1925 zum ersten Mal ein Rennen stattfand, ist der Samstag der Renntag. Daran haben die Organisatoren all die Jahrzehnte hindurch festhalten können – bis gestern. 2016 wird der Assen-GP also zum ersten Mal am letzten Juni-Sonntag stattfinden (an diesem fixen Datum wird festgehalten).

«  Ich mochte den Samstag in Assen. Weil es immer schon so war »

Valentino Rossi
Legende

Wie ist diese Tradition aber überhaupt entstanden? Nun, in dieser Frage sind sich die Experten uneinig. Fragt man deren drei, hört man drei unterschiedliche Versionen. Als sicher gilt, dass es einen religiösen Hintergrund hat, der auf die Zeit der Anfänge um 1925 zurück geht, als im stark protestantisch geprägten Assen zum ersten Mal ein Motorrad-Rennen ausgetragen wurde.

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0:19 min, vom 26.6.2015

War’s ein Pfarrer?

Einige sprechen davon, dass sich ein Pfarrer dagegen gewehrt haben soll, dass das Rennen am Sonntag ausgetragen wurde und man sich in einem Kompromiss auf den Samstag einigte.

Selbst bei dieser Variante der Geschichte gibt es zwei Versionen: Gemäss der einen wollte der Pfarrer am «heiligen» Sonntag Ruhe für seine Messe, gemäss der anderen war der Pfarrer selber Motorrad-Fan und hat dafür gesorgt, dass die Rennen am «messe-freien» Samstag stattfanden.

Theorien über Theorien

Eine zweite Gruppe vertritt die Theorie, dass zwei Mitglieder des damaligen Organisations-Komitees fleissige Kirchgänger gewesen seien und deshalb dafür gesorgt hätten, dass der Sonntag heilig blieb.

«  Im Endeffekt gilt: Trainingstag 1, Trainingstag 2 und Renntag. Da ist es egal, welcher Wochentag gerade ist. »

Tom Lüthi
Moto2-Pilot

Und für die Vertreter einer dritten Version spielten ökonomische Interessen mit. Denn die Bauern, die ihre Felder im Laufe der Zeit immer öfter als Zelt-, Camping- oder Parkplätze vermieteten, durften am Sonntag aus religiösen Gründen keine Geschäfte machen und sollen sich deshalb erfolgreichen gegen den Sonntag als Renntag gewehrt haben.

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Kathedrale des Motorradsports

Welche Geschichte auch immer stimmt, die Religion war in dieser Frage sicher führend – und es passt auch, dass Assen als Kathedrale des Motorradsports bezeichnet wird.

Dieser religiöse Anstrich macht einen Teil des Reizes aus, den der GP der Niederlande sowohl auf die Fahrer wie auch auf die Zuschauer am Streckenrand ausübt.

Wie stark die Aufgabe des Samstags als Renntag den Assen-Kult schwächen wird, darüber kann im Moment nur spekuliert werden.

Sendebezug: RSI La due, 26.06.2015, 12:30 Uhr