Günthardt: «Wawrinka hat mich nicht überrascht»

Stanislas Wawrinka hat sich mit einer hervorragenden Saison in den Top 10 etabliert. SRF-Experte Heinz Günthardt erklärt im Interview die Leistungsexplosion des Lausanners, wagt einen Blick in dessen Zukunft und analysiert, weshalb Rafael Nadal ein derart starkes Comeback gelungen ist.

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Wawrinka im Hoch, Federer im Tief - das Schweizer Tennisjahr 2013

3:27 min, vom 11.11.2013

Heinz Günthardt, haben Sie Stanislas Wawrinka in dieser Saison eine derartige Leistungsexplosion zugetraut?

Günthardt: Wawrinka war ja bereits einmal unter den ersten Zehn. Es ist vor allem die Konstanz, die besser wurde. Er hatte weniger Aussetzer als früher. Dass er gegen die Besten bestehen kann, bewies er bereits vorher. So gesehen ist es für mich nicht überraschend, dass er eine sehr gute Saison hingelegt hat.

War die knappe Niederlage über 5 Sätze gegen Novak Djokovic bei den Australian Open eine Art Startschuss zu diesem tollen Jahr?

Es ist selten, dass ein einziges Spiel so etwas bewirkt. Denn es geht oft um das Selbstvertrauen, um das nächste Niveau zu erreichen. Aber es war sicher enorm wichtig für Wawrinka zu sehen, dass er über eine so lange Spielzeit mit Djokovic mithalten kann. Das bringt einen Spieler einen grossen Schritt nach vorne. Glücklicherweise konnte er in der Sand-Saison nachdoppeln. Ich glaube, dass die Kombination dieser beiden Dinge dazu geführt hat, dass er einen Schritt vorwärts machen konnte.

«  Etwas zu bestätigen ist oft schwieriger, als einen Coup zu landen. »

In welchen Bereichen kann sich Wawrinka noch verbessern?

Während den ATP Finals wies er im Returnspiel Defizite gegenüber den Allerbesten auf - wobei die Unterschiede ab einem gewissen Niveau so klein sind, dass man nicht sagen kann, dass man einen bestimmten Schlag verbessern muss. Vielmehr geht es darum, die Stärken zu stabilisieren.

Heinz Günthardt kommentiert für SRF seit Jahren die Tennis-Übertragungen.

Bildlegende: SRF-Experte Heinz Günthardt kommentiert für SRF seit Jahren die Tennis-Übertragungen. SRF

Wie schwierig wird es für Wawrinka, die Leistungen zu bestätigen?

Etwas zu bestätigen ist oft schwieriger, als einen Coup zu landen. Daher wird der Einstieg in die neue Saison sicher wichtig. Letztes Jahr spielte er hervorragend in Australien. Die Verhältnisse dort liegen ihm und so wird er sehen können, wo er steht. Die ersten zwei bis drei Monate sind enorm wichtig. Sollte es ähnlich gut laufen wie in dieser Saison, habe ich das Gefühl, dass es für ihn kein Problem wird, auf diesem Niveau weiterzuspielen.

Rafael Nadal und Djokovic haben in dieser Saison dominiert, Überraschungen sind fast gänzlich ausgeblieben. Ist das eine Folge der langsamen Bedingungen?

Es ist sicher so, dass die Bedingungen überall ähnlicher geworden sind. Es wäre schwieriger zu dominieren, wenn die Beläge sehr unterschiedlich wären. Aber die Annäherungen haben über Jahre hinweg stattgefunden. Und bis zu einem gewissen Grad hat davon beispielsweise auch Roger Federer profitiert, da er auf den verschiedenen Unterlagen sein Spiel durchziehen konnte. Änderungen in diesem Bereich sind in naher Zukunft nicht zu erwarten.

«  Nadals Saison gehört zum Besten überhaupt. »

Nadal schaffte in dieser Saison ein grossartiges Comeback. Wie stufen Sie seine überragenden Leistungen ein?

Dass er gut spielen wird, war klar. Aber dass er auf Hartbelag und in der Halle wie hier in London so stark auftrumpft, hatte ich von ihm nicht erwartet. Nadal hat sich definitiv weiterentwickelt. Er wurde auch dazu gezwungen, aggressiver zu spielen, da er seine Knie schonen möchte. Das hat dazu geführt, dass er auf schnellen Unterlagen besser geworden ist. Seine Saison gehört historisch gesehen zum Besten überhaupt.

Juan Martin Del Potro war gegen die Grossen in dieser Saison oft nahe dran, nur selten reichte es ihm aber zum Sieg. Weshalb?

Er ist ein wenig berechenbarer als beispielsweise Nadal. Man sah auch in der Partie gegen Federer, dass dieser sehr selten auf dem falschen Fuss erwischt wurde, was gegen Nadal anders aussieht. Das führt dazu, dass die Besten gegen Del Potro oft auch sehr gut spielen, weil sie besser in den Rhythmus finden.

Ein Blick voraus: Hat jemand - abgesehen von den «üblichen Verdächtigen» - das Zeug dazu, im nächsten Jahr ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen?

Man fragt sich seit Jahren, wer der Nächste sein wird. Es gibt einige Junge, die gross und athletisch sind und während eines Major-Turniers heiss laufen können, wie Milos Raonic oder Jerzy Janowicz. Man spricht auch von Grigor Dimitrov. Aber da wir seit Jahren davon sprechen, kann es sein, dass wir in der neuen Saison ein ähnliches Bild sehen werden wie im Jahr 2013.

TV-Hinweis

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Verfolgen Sie den Final bei den ATP World Tour Finals in London am Montag ab 21:00 Uhr im Livestream. Ab 21:30 Uhr können Sie das Geschehen auch auf SRF zwei sehen.