Günthardt: «Nadal und Djokovic sind zu favorisieren»

Nadal, Djokovic, Murray oder doch Federer? Vor dem Start des Grand-Slam-Turniers in Wimbledon lässt sich kein eindeutiger Favorit ausmachen. SRF-Tennisexperte Heinz Günthardt analysiert im Interview die Ausgangslage und verrät, weshalb man Roger Federer nicht abschreiben sollte.

2011 standen sich Rafael Nadal und Novak Djokovic im Final gegenüber. Djokovic siegte.

Bildlegende: Finalisten 2011 standen sich Rafael Nadal und Novak Djokovic im Final gegenüber. Djokovic siegte. Keystone

Heinz Günthardt, für die britischen Wettanbieter ist Novak Djokovic der Top-Favorit auf den Wimbledon-Titel, gefolgt von Rafael Nadal, Andy Murray und Roger Federer. Teilen Sie diese Einschätzung?

Heinz Günthardt: So wie die Saison bis jetzt verlaufen ist, sind Nadal und Djokovic zu favorisieren. Sie haben schliesslich auch die beiden ersten Grand Slams gewonnen. Dicht gefolgt von Murray und Federer, die ebenfalls gute Chancen haben. Wir bewegen uns da im Nuancen-Bereich.

Das Los hat Federer ein schwieriges Tableau beschert. Er könnte der Reihe nach auf Rafael Nadal, Andy Murray und Novak Djokovic treffen...

Ich bin wirklich sehr erstaunt, dass Nadal als Nummer 5 gesetzt wurde. Aufgrund der letzten Monate gibt es aus sportlicher Sicht kein Argument, das dagegen sprechen würde, Nadal als Nummer 4 zu setzen. Ich kann es nicht ganz nachvollziehen, dass man in Wimbledon nicht reagiert hat.

Kann Federer Nadal, Djokovic und Murray am gleichen Turnier über Best-of-Five schlagen?

Das ist absolut möglich. Dass er nun etwas früher auf Nadal treffen könnte, ist vielleicht gar nicht so schlecht. Schliesslich braucht dieser jeweils etwas länger, um in Schwung zu kommen. Aber vielleicht muss Federer auch gar nicht gegen alle drei spielen, um das Turnier zu gewinnen. In Wimbledon kann es immer wieder Überraschungen geben.

Wie wichtig war es für Federer, dass er nach zehnmonatiger Durststrecke in Halle wieder ein Turnier gewinnen konnte?

Es gibt kein besseres Gefühl, als ein Turnier zu gewinnen. Es war zudem wichtig, dass er einige enge Matches in Folge für sich entscheiden konnte. Auch das gibt Selbstvertrauen. Ein klassisches Beispiel ist Nadal, der bei den Grand Slams jeweils erst in der zweiten Woche richtig gut spielt. Die Top-Spieler wachsen an ihren Aufgaben. Federer reist jetzt mit einem Turniersieg im Gepäck und als Titelverteidiger an den Ort, wo er die grössten Erfolge gefeiert hat. Diese Kombination ist optimal.

«  Federer hat etwas von seinem Nimbus eingebüsst. »

Dennoch wirkt Federers Spiel fehleranfälliger als auch schon. Glauben seine Gegner heutzutage mehr daran, dass sie ihn schlagen können?

Das ist definitiv so. Es gab Jahre, da hat Roger monatelang kaum verloren. Etwas von seinem Nimbus hat er sicher eingebüsst. Dennoch: Es ist immer noch Roger Federer, der auf der anderen Seite steht.

Die grosse Hoffnung der Briten heisst natürlich Andy Murray. Wie schätzen Sie seine Chancen auf den Turniersieg ein?

Murray hat es bestimmt geholfen, dass er im vergangenen Jahr an der gleichen Stätte bei den Olympischen Spielen triumphierte. Wichtig war auch sein 1. Grand-Slam-Titel bei den US Open im Vorjahr. Das erste Major ist schwieriger zu gewinnen als das zweite.

Stanislas Wawrinka trifft in der ersten Runde auf den früheren Wimbledon-Sieger Lleyton Hewitt. Ein happiges Los...

Das ist bestimmt keine einfache Auslosung. Stan wird sich keinen langsamen Start erlauben können. Doch so, wie er in den letzten Monaten gespielt hat, bin ich überzeugt, dass Hewitt dem Druck von Wawrinkas Spiel nicht gewachsen ist.

Zur Person

Zur Person

Heinz Günthardt ist ein ehemaliger Tennisprofi, der auf der ATP Tour 5 Einzel- und 30 Doppeltitel gewinnen konnte. Der ehemalige Coach von Steffi Graf und aktuelle Captain des Schweizer Fed-Cup-Teams ist seit Jahren als Tennisexperte und Co-Kommentator bei SRF tätig.

TV-Hinweis

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Verfolgen Sie Roger Federers Auftaktspiel gegen Victor Hanescu am Montag ab 14 Uhr live auf SRF zwei oder im Livestream.

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