Kopfweh und Hangover kennt ein echter Schnaps-Brenner nicht

Sonia Petignat-Keller arbeitet als Spezialistin für feine Destillate an der Forschungsanstalt Agroscope. Neben Tests und Qualitätssicherung bildet sie auch Fachleute für die Verkostung aus, wie «Einstein» zeigt. Was ihr diese Expertise im Leben genützt hat, erzählt sie im Fragebogen «11 x ehrlich».

Petignat-Keller kennt die Herstellung von Destilaten von A bis Z.

Bildlegende: Brennprozess im Visier: Petignat-Keller kennt die Herstellung von Destilaten von A bis Z. SRF

Sonia Petignat-Keller ist Leiterin der Abteilung Destillate an der Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil und auch zuständig für die Ausbildung von Verkostern für die einheimischen Schnäpse und Brände. Was sie an ihrer Arbeit mit Edelbränden reizt und warum man vom Schnapsbrennen auch etwas fürs Leben lernen kann, erklärt sie in unserem Fragebogen:

Eine gute Forscherin würde nie ...

den Bezug zur Praxis, zur Industrie und den Konsumenten vernachlässigen wollen. Sie darf aber auch nicht finanzielle Interessen in den Vordergrund stellen oder bestimmte Interessengruppen unterstützen. In diesem Sinne sind wir beim Bund unabhängig, und das ist für mich bei Agroscope ein grosses Privileg.

Zur Forscherin gemacht hat mich ...

meine (Gwunder-)Nase und mein Interesse für alles, was mit der Gesundheit und dem menschlichen Körper zusammenhängt. Ursprünglich habe ich Pharmazie studiert, bevor ich Lebensmittel-Ingenieurin wurde.

Und speziell zur Destillat-Forscherin

bin ich durch meine berufliche Karriere bei dem Aromenhersteller Givaudan geworden. Ein Brenner macht nichts anderes als Givaudan, nämlich Aroma in Alkohol konzentrieren – nur auf eine natürlichere Weise. Es war ein glücklicher Zufall, dass ich bei Agroscope die Rolle des Schweizer Schnaps-Papstes Peter Dürr übernehmen konnte. Er hat mir beigebracht, dass nirgends Aromen in reinerer Form konzentriert werden als beim Brennvorgang. Dieser lässt alle Schadstoffe zurück und ermöglicht deshalb «Genuss ohne Reue». Kopfweh und Hangover sind für einen echten Brenner Fremdwörter!

Den Forschungsplatz Schweiz finde ich ...

genial, weil er mulitkulturell und international ist und so eine breite Erfahrungspalette und ein dichtes Netzwerk für den Austausch in verschiedenen Sprachen ermöglicht. Speziell in meinem Bereich gibt es im Vergleich zu andern Länderen eine unglaubliche «Artenvielfalt». Wenn ich etwa an Schottland mit seinem Whisky oder Skandinavien mit seinem Aquavit denke, dann sind wir in der Schweiz gut bedient. Wir prämieren bei der Veranstaltung «Distisuisse» dieses Jahr in 27 verschiedenen einheimischen Destillatkategorien.

Mein grösster Erfolg ... 

oder tiefste Befriedigung in der Forschungstätigkeit während der letzten sieben Jahre bei Agroscope ist die grosse Anzahl Leute unterschiedlichster Art und Herkunft, vom Kleinbrenner im Val de Travers bis zum Grossunternehmer in der Innerschweiz. Sie alle sind mit augesprochen freudiger Passion am Werk. Die Identifikation und Leidenschaft bei der Arbeit ist meines Erachtens der wichtigste Erfolgsfaktor.

Meine grösste Niederlage ...

habe ich längst vergessen. Ich habe gelernt, im Leben nur das Positive zu behalten und den Ballast zurückzulassen. Das ist konform mit dem Brennprozess. Nur so ist es möglich, das Leben im eigentlichen Sinne zu geniessen.

Auf neue Ideen komme ich am besten ...

im Gespräch mit unterschiedlichsten Leuten, aktuell mit der Brennergemeinde, der Eidgenössischen Alkoholverwaltung und andern Kontaktstellen im Schnaps-Netzwerk. Oder beim Ausmisten meines Hühnerstalls.

Das wichtigste Buch für meinen Werdegang ist ...

neben der «Technologie der Obstbrennerei» von Peter Dürr das Buch «Siddharta» von Hermann Hesse, eine Lebensschule ‚wie sie im Buche steht‘. Die Essenz des Seins wird darin auf verständliche Weise geschildert.

Jungen Forschern in der Schweiz empfehle ich ...

eine unstillbare Neugier zu entwickeln und einen Wettbewerbsgeist, wie er im Sport gepflegt wird. Dort kann auch ein eiserner Durchhaltewille entwickelt werden, denn die Erfolge werden gerade der jungen Generation immer weniger in den Schoss gelegt. Vor allem aber sollten sich junge Forschende auf die Themen und Gebiete konzentrieren, die sie wirklich begeistern und in denen sie sich stark fühlen. Freude bringt immer Motivation und Erfolg.

Die grösste Herausforderung der nächsten 20 Jahre für meinen Forschungszweig wird sein ...

die Nachhaltigkeit. Ich habe kürzlich mit meiner Familie den Film «More than Honey» von Markus Imhoof  gesehen; der hat uns schon sehr nachdenklich gestimmt. Wir müssen unbedingt in Zukunft mit weniger mehr erreichen, sonst stossen wir sehr bald auf unüberwindbare Probleme.

Wenn ich nicht mehr Forscherin sein könnte, würde ich ...

zu Fuss, auf dem Pferd und im Segelboot langsam um die Welt reisen, um möglichst viele verschiedene Sinneseindrücke zu sammeln – Düfte, Geschmäcke und Texturen. Dufterkennung findet übrigens im Hirn am selben Ort statt, an dem wir Erinnerungen speichern. Mit Dufttraining betreiben wir also immer ein wenig Alzheimer-Prophylaxe.

Der überflüssigste Forschungszweig ist ...

meines Erachtens die Geriatrie, wenn sie auf die Spitze getrieben wird. Der Material- und Energieeinsatz, der oft erbracht wird, um ein Leben um ein paar Monate zu verlängern, steht in keinem Verhältnis zum Nutzen, der für die betroffenen Patienten anfällt. Ich musste am Beispiel meines eigenen Vaters erleben, dass er unter den zusätzlichen Monaten wahrscheinlich mehr gelitten als Freude empfunden hat. Wir sollten nicht länger, sondern intensiver und genussvoller leben.

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