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Sommer-Gesundheitsmythen und Fakten
Aus 10 vor 10 vom 19.07.2022.
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Abkühlung durch Ernährung Warum wir jetzt besser keinen Salat essen sollten

Tonnenweise Glacé und unzählige Wassermelonen-Schnitze: Haben Sie auf der Suche nach einem kühlenden Menü mittlerweile verzweifelt das (verschwitzte) Handtuch geworfen?

Laut Sybille Binder, Ernährungsberaterin FH und Therapeutin für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) könnten genau diese kalten Lebensmittel an der innerlichen Hitze beteiligt sein. Falls das Tropfen also kein Ende nimmt, lohnt es sich vielleicht, einige Kniffe aus der über 2000 Jahre alten TCM anzuwenden.

Sybille Binder

Sybille Binder

Dipl. Ernährungsberaterin

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Sybille Binder ist Mitinhaberin des Instituts für integrative Naturheilkunde Zürich und Dozentin an verschiedenen Fachschulen. In ihren Ernährungs-Stoffwechselberatungen und -therapien verbindet sie Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde (TEN) mit ernährungswissenschaftlicher Expertise.

SRF: Frau Binder, ich sitze gerade mit einem Iced Coffee am Schreibtisch. Was sagt die TCM zu dieser Erfrischung?

Sybille Binder: Dass es da noch Verbesserungspotenzial gibt (lacht). Natürlich dürfen Sie weiterhin auch bei diesen Temperaturen eine Tasse Kaffee trinken. Zu viel davon kann unseren Körper allerdings stark erhitzen und nervös machen. Und: Über die Eiswürfel müssen wir gleich noch sprechen…

Warum? 

Es mag paradox klingen, aber mit Kaffee bringen Sie noch mehr Hitze in Ihren Körper. Um das zu verstehen, müssen wir aber über die thermische Wirkung von Lebensmitteln reden.

Was sagt die Wissenschaft zur TCM?

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Einen besonderen Fokus bei der Untersuchung der Patientinnen und Patienten hat bei der TCM die Zungen- und Pulsdiagnose: Form, Farbe und Belag der Zunge und die Eigenschaft des Pulses Aufschluss geben hier Aufschluss über die «Verteilung des Qi in den verschiedenen Organen und ihren zugehörigen Meridianen», sprich: über die Gesundheit.

Gearbeitet wird in der TCM mit Organ- und Funktionskreisen, die deutlich von der naturwissenschaftlichen Anatomie abweichen. Ihre Wirksamkeit ist bislang nur in wenigen Bereichen wissenschaftlich nachgewiesen worden.

Ich bin gespannt.

Nahrungsmittel haben in der TCM die Fähigkeit, ihre Umgebungstemperatur zu beeinflussen. Heruntergebrochen heisst das: Je wässriger ein Nahrungsmittel ist, desto eher hat es eine kühlende Wirkung auf unseren Körper. Je nährstoffdichter ein Nahrungsmittel ist, desto eher hat es die Tendenz, uns von innen zu wärmen.

Ich empfehle hellen Fisch beziehungsweise helles Fleisch oder Tofu und dazu grilliertes oder gedämpftes Gemüse.

Saisonales Gemüse wie Tomaten, Gurken oder Erdbeeren sind wässrig und mit Vitamin C, Kalium und Magnesium ausgestattet und – richtig zubereitet – eine tolle Abkühlung.

Richtig zubereitet?

Ja, auch die Zubereitung hat einen Einfluss darauf, wie wärmend oder kühlend ein Lebensmittel auf uns wirkt. Etwas Gedämpftes wirkt ausgleichend wärmend, Rohes wirke eher kühlend. Rotes Fleisch hingegen gehört zu den wärmenden Nahrungsmitteln. Gegrillt heizt es zusätzlich ein.

Nahrungsmittel in der TCM

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Nahrungsmittel werden in der TCM in verschiedene Lebensmittelgruppen unterteilt: Sie werden nach den fünf Elementen unterschieden und den Temperaturen heiss, warm, neutral, erfrischend und kalt zugeordnet. Ziel ist es, Yin und Yang ins Gleichgewicht zu bringen.

Das bedeutet, dass sich die Menschen an den Grills gerade keinen Gefallen tun.

Zumindest nicht, wenn sie das mit rotem Fleisch, Ketchup und Rotwein machen. Diese Dinge produzieren sehr viel innerliche Hitze. Unser Körper sollte jetzt aber abkühlen, um seine Temperatur regulieren können. Nach TCM bedeutet das: Vernünftig Wärme zufügen.

Was heisst das konkret fürs nächste Grillfest?

Heller Fisch beziehungsweise helles Fleisch oder Tofu und dazu grilliertes oder gedämpftes Gemüse. Dazu eine leichte Joghurtsosse mit Kräutern wie Zitronenmelisse und Dill – fertig ist ein Sommergericht, das ich empfehlen würde.

Was halten Sie von einem kühlen Sommer-Salat?

Das kommt auf Ihre persönliche Konstitution an. Viele Menschen haben nach TCM zu viel Kälte in sich, was sich dadurch zeigt, dass sie sich oft erschöpft fühlen, leicht frieren und eigentlich auch im Sommer zum Schlafen immer Socken brauchen.

Wenn Sie dann noch Lebensmittel mit kalten Eigenschaften wie Rohkost essen, wird die innere Wärme reduziert, was sich durch Verdauugsstörungen bemerkbar machen kann.

Natürlich kann man mal eine Glacé essen. Aber das sollten Sie nicht jeden Tag machen.

Gibt es auch Lebensmittel, die uns gerade allen gut tun? 

Wasser mit Pfefferminzblättern und Salat aus gedünstetem Gemüse. Grundsätzlich ist dünsten und dämpfen für alle gut. Alles Extreme, also Tiefgefrorenes oder Frittiertes, sollten wir sein lassen.

Also keine Glacé mehr?

Natürlich kann man mal eine Glacé essen. Aber das sollten Sie nicht jeden Tag machen. Alles aus dem Tiefkühler – auch das Eis für Ihren Iced Coffee – hat Null Grad. Ihre Körpertemperatur beträgt aber 37.

Ihr Verdauungstrakt und die umliegenden Organe benötigen also viel Energie, um Ihren Körper wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Die klassische Ernährungswissenschaft würde das mit den Eiswürfeln anders sehen.

Bei welchen Kühl-Tipps sind sich TCM und westliche Ernährungsmedizin einig? 

Zum Beispiel beim Pfefferminzöl. Die Schulmedizin erklärt seinen kühlenden Effekt mit sekundären Pflanzenstoffen in den ätherischen Ölen. Und dass alkoholische Getränke und zu viel Zucker den Stoffwechsel träge machen und bei dieser Hitze sehr kontraproduktiv wirken, auch.

Das Gespräch führte Gina Buhl.

10 vor 10, 19.07.22, 21:50 Uhr;

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